Hochbegabung systemisch betrachtet
Am Dienstag, den 24. Februar 2026, öffnete der Systemische Club erneut seinen digitalen Raum. Dieses Mal mit einem Thema, das in Beratung, Therapie und Coaching an Bedeutung gewinnt: Hochbegabung aus systemischer Perspektive.
Als Referentin begrüßten wir Jessica Woessner, Bega-PSI Diagnostikerin (Blick auf (Hoch-)Begabung mit einer psychologischen Persönlichkeitsdiagnostik) und Beraterin mit Erfahrung in der Begleitung hochbegabter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener. Jessica fand über ihre eigenen Kinder zum Thema Hochbegabung. Ihre Ausbildung absolvierte sie unter anderem bei Dr. Renger am DZBF. Heute begleitet sie vor allem Mütter und Familien im Kontext Hochbegabung: Website Jessica Woessner
Ankommen im Systemischen Club
Wie gewohnt startete der Abend mit einer offenen Begrüßung und einer kurzen Einführung in den Ablauf. Im Chat zeigte sich schnell die Vielfalt der Perspektiven. Zu Gast waren Systemische Berater:innen und Therapeut:innen, Fachkräfte aus Schule und Bildung, Coaches, Eltern hochbegabter Kinder, Menschen mit eigener Hochbegabung oder entsprechender Vermutung. Die Motivationen zur Teilnahme am Club-Abend reichten von professioneller Wissensvertiefung bis hin zu sehr persönlichen Fragestellungen – etwa im Kontext schulischer Schwierigkeiten oder familiärer Dynamiken
Hochbegabung – was bedeutet das eigentlich?
Jessica Woessner führte zunächst in die Grundlagen ein. Zentrale Bezugsgröße ist die Gaußsche Normalverteilung der Intelligenzwerte.
- Hochbegabung: IQ ≥ 130 (ca. 2 % der Bevölkerung)
- Höchstbegabung: IQ ≥ 145 (unter 0,1 %)
Wichtig war ihr dabei die systemische Einordnung: Ein hoher IQ allein erklärt noch keine Schwierigkeiten. Entscheidend ist die Passung zwischen Person und Umwelt.
Typische Merkmale hochbegabter Menschen
- Sehr schnelle Auffassungsgabe
- Ausgeprägtes analytisches Denken
- Hohe Sensibilität und Intensität im Erleben
- Tiefes Bedürfnis nach Sinn und Kohärenz
- Intrinsische Motivation statt externer Belohnung
- Kritisches Hinterfragen unklarer Aufgabenstellungen
Ein prägnanter Begriff aus dem Abend war der „Denkteich“. Ein Bild für das tiefe gedankliche Eintauchen in Themen, das hochbegabte Menschen häufig beschreiben.
Hochbegabung bei Kindern: Was oft übersehen wird
Jessica berichtete aus ihrer diagnostischen Praxis, dass hochbegabte Kinder kognitiv häufig drei bis fünf Jahre voraus sind. Entwicklungsbesonderheiten können sein:
- Frühes Sprachverständnis, komplexer Satzbau
- Ironieverständnis in jungen Jahren
- Ausgeprägtes Systemdenken
- Starkes Bedürfnis nach Autonomie
Gleichzeitig werden Mädchen statistisch später diagnostiziert. Oft, weil sie sich stärker anpassen und weniger „auffallen“. Jungen hingegen werden häufiger getestet, da sie durch Unterforderung eher externalisierendes Verhalten zeigen.
Diagnostik: Chancen und Fallstricke
Ein zentraler Teil des Abends widmete sich der Frage: Wann und wie sollte Hochbegabung diagnostiziert werden? Jessica betonte:
- IQ-Tests sollten möglichst nur einmal durchgeführt werden (Übungseffekte verfälschen Ergebnisse).
- Schriftliche Gutachten sind essenziell.
- Spezialisierte Begabungsdiagnostiker:innen verfügen über mehr Zeit und differenziertere Verfahren als klassische kassenfinanzierte Settings.
Besonders kritisch beleuchtet wurde die Verwechslung oder Überlagerung von Hochbegabung mit ADHS oder Autismus. Unterforderung, Traumatisierung oder fehlende Passung können Symptome erzeugen, die vorschnell pathologisiert werden.
Als Ansprechpartner verwies Jessica auf das DZBF – Deutsches Zentrum für Begabungsförderung:
👉 https://dzbf.de/kontakt/
Weitere Informationen zur Bega-PSI-Diagnostik:
👉 https://dzbf.de/ressortbereiche/
Für den Raum Hamburg wurde ergänzend genannt:
👉 https://sozialpaediatrie-hamburg.de/
Familiendynamik: Vermehrtes Aufkommen von Hochbegabung in der Familie
Im Verlaufe des Abends kam unter anderem die Frage auf, ob bei bekannter Hochbegabung eines Kindes auch Geschwister getestet werden sollten. Jessica bejahte dies grundsätzlich. Insbesondere dann, wenn sich Hinweise zeigen. Hochbegabung tritt familiär gehäuft auf. Gleichzeitig sei die Zustimmung und Einbettung in einen systemischen Gesamtprozess entscheidend.
Hochbegabte Erwachsene im Coaching
Ein besonders anschlussfähiger Teil des Abends war der differenzierte Blick auf hochbegabte Erwachsene im Beratungs- und Coachingkontext. Viele Betroffene werden erst spät – teilweise jenseits der 30 oder 40 – mit dem Thema konfrontiert. Die Hochbegabung war zuvor entweder nicht erkannt oder bewusst kompensiert worden. Aus Jessicas Praxis zeigen sich wiederkehrende Themenfelder im Coaching:
- Gefühl des Andersseins – häufig seit Kindheit oder Jugend
- Späte Erkenntnis der eigenen Hochbegabung mit biografischer Neubewertung
- Selbstzweifel trotz objektiv hoher Kompetenz (Impostor-Phänomene)
- Chronische Unterforderung im Beruf oder „innere Kündigung“
- Konflikte mit Hierarchien, ineffizienten Prozessen oder inkonsistenter Führung
- Overthinking und Entscheidungsparalyse durch stark ausgeprägtes Möglichkeitsdenken
- Hoher innerer Anspruch und Perfektionismus
- Intensive Wahrnehmung und emotionale Tiefe, die im Arbeitskontext wenig Raum findet
- Erschöpfung durch Maskierung („Sich-anpassen“, um nicht aufzufallen)
Deutlich wurde: Viele hochbegabte Erwachsene haben gelernt, sich anzupassen. Sie funktionieren – oft erfolgreich – zahlen jedoch einen hohen Preis in Form von Sinnverlust, Frustration oder innerer Isolation.
Im Coaching ist es daher umso wichtiger, gut miteinander im Kontakt zu sein. Hochbegabte Klient:innen prüfen ihr Gegenüber schnell – kognitiv wie relational. Sie reagieren sensibel auf Inkonsistenzen, Oberflächlichkeit oder standardisierte Interventionen ohne Substanz. Wirksam sind daher insbesondere:
- Augenhöhe und intellektuelle Anschlussfähigkeit
- Strukturierte, klare Sprache
- Hypothesenbildung auf hohem Abstraktionsniveau
- Ambiguitätstoleranz
- Offenheit und Neugier
Hochbegabte Menschen benötigen einen Reflexionsraum auf Augenhöhe und vor allem einen nicht-pathologisierenden Beratungsrahmen.
Was verändert eine Diagnose?
Eine häufig gestellte Frage war, was sich nach der Feststellung einer Hochbegabung verändere. Mögliche Effekte:
- Entlastung durch Erklärung
- Neubewertung biografischer Erfahrungen
- Bewusstere Bildungs- und Berufsentscheidungen
- Systemische Neuordnung familiärer Rollen
- Anpassung schulischer oder beruflicher Rahmenbedingungen
Eine Diagnose dient dabei nicht als Etikett, welches vergeben wird, sondern als Orientierungsangebot.
Resümee
Zusammenfassend ist Hochbegabung ist kein isoliertes Leistungsmerkmal. Sie ist ein relationales Phänomen, das nur im Kontext von Familie, Schule, Organisation und Gesellschaft verstehbar wird. Systemisches Arbeiten eröffnet hier einen besonderen Zugang – jenseits von Pathologisierung und Defizitlogik. Herzlichen Dank an Jessica Woessner für ihren fachlichen Input und das Teilen ihrer persönlichen Erfahrungen.

Interesse an der Aufzeichnung des Club-Abends?
Vielen Dank auch an unsere Gäste für Euer Interesse und den Austausch in unserem virtuellen Kaminzimmer. Unser Netzwerk lebt davon, dass wir voneinander lernen, Erfahrungen teilen und Räume schaffen, in denen professionelle Vielfalt sichtbar wird.
Konntest du dieses Mal nicht mit dabei sein und bist an der Aufzeichnung des Club-Abends interessiert, werde Mitglied in unserem Systemischen Netzwerk. Unsere aktuellen Events findest du auf Eventbrite. Wir freuen uns schon jetzt darauf, Dich bald (wieder) bei einer unserer Veranstaltungen begrüßen zu können.
Und falls du selbst einmal einen Club-Abend gestalten möchtest – Sandra freut sich über eine Nachricht.

Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Systemischen Netzwerks für Euch erstellt.










Related Posts