Systemische Trauerberatung

Systemische Trauerberatung

Frau sitzt traurig auf dem Boden

Das übergeordnete Ziel der Trauerberatung besteht darin, Trauernden dabei zu helfen, den Verlust einer nahestehenden Person zu verarbeiten und sich an eine neue Realität, ohne diese Person anzupassen. Um dies zu erreichen, beachtet Constanze Kracheletz als unsere Gastautorin die folgenden, an den vier Traueraufgaben ausgerichteten Zielvorgaben: 

  1. die Realität des Verlustes zu verdeutlichen
  2. beim Umgang mit dem emotionalen und verhaltensbezogenen Schmerz helfen
  3. bei der Überwindung verschiedener Hindernisse bei der Anpassung unterstützend wirken und
  4. die Betroffenen ermutigen, eine fortdauernde Bindung an die verstorbene Person zu entwickeln und zugleich in die Neuausrichtung des eigenen Lebens emotional zu investieren.

Wann soll die systemische Trauerberatung stattfinden?

In den meisten Fällen beginnt die Trauerberatung frühestens etwa eine Woche nach dem Begräbnis. Wenn nicht schon vor dem Todesfall Kontakt bestand, sollte man in den ersten 24 Stunden nicht auf die Trauernden zugehen. Sie stehen noch zu sehr unter Schock, um überhaupt einen klaren Gedanken fassen zu können. Wissen die Angehörigen, dass in der Familie ein Todesfall unmittelbar bevorsteht, kann es auch schon vorher zum Kontakt kommen. Nach dem Todesfall kann man sich dann noch einmal melden und ein ausführliches Treffen etwa eine Woche nach der Trauerfeier anbieten. Doch gibt es für diesen Rahmen keine festen Regeln. Vieles hängt von den tatsächlichen Umständen und der Rolle ab, die die Trauerberatung bei der Betreuung der Angehörigen spielen soll.

Wer wird beraten?

In der Trauerberatung gibt es drei Hauptansätze. 

Der erste Ansatz will allen Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, insbesondere Familien, in denen ein Elternteil oder ein Kind gestorben ist, Beratung anbieten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass ein solcher Verlust für alle Betroffenen traumatisch ist und sie deshalb auf jeden Fall ein Beratungsangebot erhalten sollen. Unsere Forschung zeigt allerdings, dass längst nicht alle Betroffenen hilfebedürftig sind. Viele schaffen es auch ohne Beratung. Menschen standardmäßig zur Beratung zu schicken, weil sie einen Todesfall zu beklagen haben, hat die Forschung keinen Nutzen nachweisen können. 

Der zweite Ansatz geht davon aus, dass manche Betroffenen Hilfe benötigen, dies aber erst zum Tragen kommt, wenn sie in Schwierigkeiten geraten sind und erkennen, dass sie allein nicht zurechtkommen. 

Der dritte Ansatz beruht auf einem Präventionsmodell. Wenn wir vorhersehen können, wer ein oder zwei Jahre nach einem Todesfall mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme haben wird, können wir frühzeitig intervenieren, und einer unzureichende Bewältigung des Trauerprozesses vorbeugend vorbeugen. 

Die Risikogruppe

Frauen, die mit dem Tod des Partners weniger gut zurechtkommen, sind meist jung und haben noch kleine Kinder, aber keine in der Nähe wohnenden Verwandten, die ihre Unterstützung anbieten könnten. Sie sind tendenziell eher ängstlich, zeigen ein anklammerndes Verhalten und waren von ihrem Partner übermäßig abhängig – oder sie hegen ambivalente Gefühle für die Beziehung zu der verstorbenen Person und ihr kultureller und familiärer Hintergrund hindert sie daran, diese Gefühle zum Ausdruck zu bringen.

Der Tod des Partners hat zusätzliche Stressfaktoren in ihr Leben gebracht – einen erheblichen Einkommensverlust, einen Umzug oder Schwierigkeiten mit den Kindern, die sich ebenfalls auf den Verlust einstellen müssen. Anfangs schienen sie gut zurechtzukommen, doch mit der Zeit gewinnen Niedergeschlagenheit, Selbstvorwürfe und/oder Wut die Oberhand. Diese Gefühle nehmen mit der Zeit nicht ab, sondern bleiben hartnäckig bestehen.

Den Ansatz, Risikofälle durch gezielte präventive Maßnahmen herauszufiltern, verfolgte auch Beverly Raphael in einer weiteren wegweisenden Studie zu diesem Thema. In ihrer Untersuchung über Witwen und Witwer in Australien kreiste sie vier Variablen als signifikante Risikofaktoren für Probleme im ersten bzw. zweiten Jahr nach dem Todesfall ein: 

  1. Ein starkes Gefühl, im sozialen Umfeld nicht genug Unterstützung zu finden
  2. Ein mäßig starkes Gefühl, im sozialen Umfeld nicht genug Unterstützung zu finden, zusammen mit besonders traumatischen Todesumständen
  3. Eine hochgradig ambivalente Beziehung zu der verstorbenen Person
  4. Das Auftreten einer gleichzeitigen Lebenskrise

In einer Studie wurden Witwen und Witwer, die noch Kinder im Schulalter hatten, untersucht. Die meisten Probleme hatten ein Jahr nachdem Todesfall Frauen, für die der Tod des Partners völlig überraschend gekommen war und die in den ersten vier Monaten nach dem Todesfall besonders viel Stress und negative Gefühle erlebt hatten. Tendenziell waren dies Frauen, die mehrere Kinder unter 12 Jahren hatten und eine größere Anzahl von lebensverändernden Ereignissen verkraften mussten. 

Der präventive Ansatz ist natürlich nicht nur auf Partner:innen, sondern auch auf andere Angehörige anwendbar. Parkes und sein Team am St. Christopher’s Hospice in Großbritannien bestimmten anhand einer sechs Variablen umfassenden Skala besonders hilfsbedürftigen Familienmitglieder. Eine Intervention hielten sie für angebracht, wenn vier Wochen nach dem Todesfall mehrere der folgenden acht Risikofaktoren zutrafen:

  1. Mehrere jüngere Kinder im Haus
  2. Zugehörigkeit zu unteren sozialen Schichten
  3. Arbeitslosigkeit oder geringfügige Beschäftigung
  4. Große Wut
  5. Starke Traurigkeit
  6. Große Selbstvorwürfe
  7. Mangel an aktuellen Beziehungen 
  8. Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Traueraufgaben

Der Trauerprozess

Der Trauerprozess ist der Begriff für die Entwicklung, die auf einen schmerzlichen Verlust folgt, während sich der Begriff „Trauer“ auf die unmittelbare persönliche Erfahrung des Verlusts bezieht. Dieser Trauerprozess ist von Fachleuten auf unterschiedliche Weise untergliedert worden, z. B. in „Phasen“ und „Aufgaben“

Eine Möglichkeit, den Trauerprozess zu analysieren, besteht darin, ihn als Abfolge von Phasen zu begreifen. Manche Autoren*innen unterscheiden bis zu neun, oder sogar zwölf solcher Phasen. Schwierig gestaltet sich dieser Ansatz u. a. deshalb, weil die Betroffenen die postulierten Phasen nicht unbedingt der Reihe nach durchlaufen. Außerdem besteht die allgemeine Tendenz, die Unterteilung allzu wörtlich zu nehmen. Ein Beispiel dafür ist die Art und Weise, wie man auf Elisabeth Kübler-Ross‘ Phasen des Sterbens reagierte. Nach Elisabeth Kübler-Ross erstem Buch, Interviews im Trauerprozess erwarteten viele, dass Trauernde die fünf Phasen genauso durchlaufen würden, wie von Kübler-Ross beschrieben, und waren enttäuscht, wenn jemand die Phasen nicht in der richtigen Reihenfolge absolvierte oder gar eine Phase übersprang (1. Verdrängung, 2. Wut, 3. Verhandlung, 4. Verzweiflung, 5. Akzeptanz).

Ein speziell für den Trauerprozess entwickelter Ansatz ist das von Parkes, Bowlby, Sanders u. a. formulierte Phasenmodell. Parkes (1970) beschreibt vier Phasen der Trauer: 

Phase I ist die Zeit des „Nicht-wahrhaben-Wollens“

Phase II, die „Phase der Sehnsucht“, in der die Betroffenen die Wiederkehr der verstorbenen Person herbeisehnen und versuchen, die Endgültigkeit des Verlusts zu leugnen. Wut spielt in dieser Phase eine wichtige Rolle. 

Phase III, der „Phase der Desorganisation und Verzweiflung“, fällt es den Trauernden schwer, ihren Alltag zu meistern.

Zuletzt Phase IV, die „Phase der Neuorientierung“. Die Betroffenen versuchen, den Verlust in ihr Leben zu integrieren und sich wieder in der Welt zurechtzufinden 

Prozessgestaltung und Interventionen der Systemischen Trauerberatung

Systemische Trauerbegleitung ist genau betrachtet Prozess(mit)gestaltung einer gemeinsam entwickelten Choreographie im Begleitsystem 2. Ordnung. Entsprechend seiner Haltung lädt der Trauerbegleiter:in mit seinen/ihren Interventionen die einzelnen Systemmitglieder ein, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, neue Erfahrungen (miteinander) zu machen und ihre Interaktionen zu erweitern. Das systemische Handwerk verfügt dafür über eine breite und lang erprobte Palette von Methoden, um Entwicklungsprozesse durch die Veränderungen hindurchzubegleiten.

Systemische Fragetechniken in Bezug auf Abschiednehmen und Loslassen: 

„Wenn du das loslässt (Traurigkeit, Schuld, Wut …), was kommt dann stattdessen?“

Stell dir vor, du lässt diese Person los und es ist ein Platz frei, mit wem würdest du ihn besetzten?“

„Wofür würdest du den Platz gerne nutzen?“

„Welche Möglichkeiten ergeben sich für dich, wenn der Platz da ist?“

„Wofür ist es denn gut, noch nicht loszulassen?“

„Wie lange denkst du brauchst du dieses Gefühl (Wut, Schuld, Traurigkeit …) noch?“

„Wie kannst du dir einen guten Abschied dabei vorstellen, wenn es so weit ist?“

Rituale: Riten erlauben eine fokussierte Wahrnehmung der anstehenden Veränderung. Die Teilhabe an kollektivem Bewältigungswissen bindet Ängste und bündelt vorhandene Ressourcen. 

In einem Setting half ich einem jungen Mann, alte Kränkungen auf Zettel zu schreiben, diese im Aschenbecher im Therapieraum zu verbrennen und durch das Erzählen der entsprechenden Geschichten von ihnen Abschied zu nehmen, so erlebe ich in meinen Settings, dass das Verbrennen solcher „Schuldkarten“ da und dort zu einer Wunderlösung nützlich sein kann. 

Das Falten eines Papierbootes halte ich ebenfalls für ein sehr nützliches Ritual. Wenn es fertiggestellt ist, wird es mit dem beschriftet, was du loslassen möchtest und verabschieden möchtest. Dann setzt du das Papierboot an einem Fluss ins Wasser und lässt es wegschwimmen.

Oft lasse ich Trauernde einen Brief schreiben, in denen sie der verstorbenen Person gegenüber ihre Gedanken und Gefühle ausdrücken können. Dies kann helfen, ungelöste Probleme zu klären und Ungesagtes doch noch in Worte zu fassen. Ich ermutige stets zu ausgiebigem Schreiben von Briefen, auch zum Schreiben eines Abschiedsbriefes an die verstorbene Person. Innere Erfahrungen in Sprache zu übersetzen und eine zusammenhängende Erzählung des Geschehenen zu konstruieren, sorgt dafür, zunächst vielleicht chaotisch erscheinende Gedanken und Gefühle in ein großes Ganzes zu integrieren und so zu einem Gefühl der Lösung und zu weiniger negativen Empfindungen zu kommen. 

Das Erinnerungsbuch über das verstorbene Familienmitglied anzulegen ist ein Projekt, das sich Angehörige sehr gut zusammen vornehmen können. Ein solches Buch kann Geschichten über gemeinsame Erlebnisse, Andenken, Schnappschüsse und andere Fotografien, Gedichte und Zeichnungen oder gemalte Bilder umfassen, die verschiedene Familienmitglieder, darunter auch die Kinder, beisteuern können. Das gemeinsame Projekt kann der Familie helfen, sich bewusst zu erinnern und ein realistisches Bild der verstorbenen Person zu betrauern. 

Wut – Trauernden helfen, Gefühle benennen und zuzulassen

Der Tod eines geliebten Menschen ruft bei den Hinterbliebenen oft Wut hervor. „Was mir am meisten geholfen hat, waren Menschen, die sich um mich gekümmert und sich mein Schimpfen und Toben angehört haben“, sagte mir mal eine Klientin in der Beratung. Eine indirekte Methode, die nach meiner Erfahrung sehr nützlich sein kann, arbeitet mit den systemischen Fragen: Hier mit dem Wort: „fehlen“. Ich frage die Trauernden: „In welcher Hinsicht fehlt Ihnen die verstorbene Person?“, worauf sie mit einer ganzen Liste antworten, die oft Traurigkeit und Tränen auslöst. Nach einer Weile frage ich dann: „Und in welcher Hinsicht fehlt sie Ihnen nicht?“ darauf folgt meist erstaunliches Schweigen und nach einer Weile etwas wie: „Hm, darüber habe ich noch nie nachgedacht“. Aber jetzt, wo du es erwähnst, … Tja, was mir nicht fehlt, sind die überall auf dem Fußboden verstreuten Kleidungsstücke, das ewige Zuspätkommen … und vieles andere.

Allmählich kommen so auch einige negativere Gefühle zur Sprache. Wichtig ist, dass man die Trauernden mit diesen negativen Gefühlen nicht allein lässt, sondern ihnen hilft, ein besseres Gleichgewicht zwischen negativen und positiven Gefühlen zu gewinnen und zu erkennen, dass die einen die anderen nicht außer Kraft setzen. 

Ein weiteres nützliches Wort ist „Enttäuschung“. Ich frage: „Wie hat die Person dich enttäuscht?“ Dass eine enge Beziehung ganz ohne Enttäuschungen auskommt, ist äußerst selten. Auch das Wort „unfair“ kann sich in diesem Zusammenhang als nützlich erweisen.

Keines bleibt in derselben Gestalt, und Veränderungen liebend schafft die Natur stets neu aus anderen Formen, und in der Weite der Welt geht nichts, das glaubt mir, verloren.

Ovid, Metamorphosen


Wir danken Constanze für diesen sehr umfangreichen Artikel und hoffen, euch so die systemische Trauerberatung etwas näher gebracht zu haben.

Literaturquellen

Beratung und Therapie in Trauerfällen (J. William Worden)

Kursbuch systemische Trauerbegleitung (Petra Rechenberg-Winter; Esther Fischinger)

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