Systemische Therapie bei Essstörungen

Systemische Therapie bei Essstörungen

Der folgende Artikel von der lieben Viola Windgassen beschreibt, inwieweit die Systemische Therapie und Essstörungen zusammen passen beziehungsweise was diese bewirken kann. Ganz nebenbei geht der Artikel auf die Andersartigkeit der Systemischen Therapie im Vergleich zu den „herkömmlichen“ Methoden ein und stellt die Systemische Arbeit wunderbar dar.

Was gibt es für Essstörungen?

Das aktuell geltende ICD-10 („International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“) definiert klar die Symptome und Ausprägungen, die vorliegen müssen, um eine Essstörung zu diagnostizieren und zu behandeln. Die bekanntesten Essstörungen sind die Magersucht (Anorexie), die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und die Esssucht (Binge-Eating-Störung). Daneben gibt es noch jeweils atypische Erscheinungsformen, die Orthorexie, sonstige Essstörungen usw.

Oftmals sind die Symptome der Essstörungen nicht so stark ausgeprägt wie im ICD-10 beschrieben oder nicht klar voneinander abzugrenzen. Häufig vermischen oder verändern sie sich auch. Dies führt bei vielen Patient*innen zu Irritation und Verunsicherung, da sie sich selbst nicht einordnen können und nicht sicher sind, ob sie wirklich krank oder krank genug sind.

Die Kontroverse der Diagnostik

Klassischerweise nähert sich der systemische Ansatz weniger über psychopathologische Krankheitsklassifikationen als andere Ansätze. Wobei sich dies durch die kürzlich vorgenommene Anerkennung der systemischen Therapie als Kassenleistung wandeln könnte.

Bisher wurde die Diagnostik nicht als eine nüchterne Beschreibung eines Sachverhaltes gesehen, sondern vielmehr als eine Beschreibung, in der Veränderbarkeit steckt und die im Therapieprozess nutzbar ist. Wobei es innerhalb der systemischen Schulen unterschiedliche Haltungen gegenüber Diagnosen gibt. Diese reichen von starker Ablehnung, da eine Kategorisierung von Menschen dem systemischen Menschenbild nicht entspricht, bis hin zu der Gefahr durch Diagnosen in eine Problemtrance zu geraten. Systemisch diagnostische Fragen dienen also eher der Erforschung und Beschreibung von Familiendynamiken, Perspektiven und Erwartungshaltungen als dem individuellen Zustandsbild.

Warum ist das wichtig?

Wenn Patient*innen in eine Therapie kommen und nicht die klassischen Krankheitssymptome erfüllen müssen, um als krank zu gelten, sondern einfach in ihrer Not ernst genommen werden, dann verschafft dies oft viel Erleichterung. Wobei ich nicht unerwähnt lassen möchte, dass eine Diagnostik im Sinne der Psychoedukation auch hilfreich und erleichternd sein kann. Doch insbesondere im Bereich der Essstörungen gibt es viele Symptome, die aus Sicht von Patient*innen erfüllt sein müssen, um sich Hilfe holen zu dürfen. Insbesondere ausgeprägtes Untergewicht scheint oft eine Voraussetzung für eine innere Erlaubnis der Hilfesuche zu sein.  Auch bei Mischformen entsteht Verunsicherung, da das klassische Bild nicht bedient wird.

Selbst wenn eine betroffene Person beispielsweise nur phasenweise Essanfälle hat, zwischen starkem Bewegungsdrang und Lethargie wechselt, normalgewichtig ist und keine Angst vorm Essen hat, kann der eigene Leidensdruck trotzdem sehr hoch sein.

Das Besondere an der systemischen Therapie bei Essstörungen

Die systemische Theorie besagt, dass Essstörungen nicht isoliert als individuelle Probleme gesehen werden sollten, sondern dass das familiäre Umfeld, die Verstrickungen, Dynamiken und die Beziehungen untereinander bei der Entstehung und Aufrechterhalten mitberücksichtigt werden sollten. Je nach Krankheitsbild gibt es unterschiedliche Ansätze der Entstehung und Entstörung. Bei der Anorexie kann beispielsweise davon ausgegangen werden, dass fehlende Autonomie, Ablösung vom Elternhaus, Konfliktvermeidung in der Familie und/oder die Entwicklung einer eigenen Geschlechtsidentität eine begünstigende Rolle bei der Entstehung spielen können. Somit wäre die Person, die das gestörte Essverhalten zeigt, lediglich die Person, die Symptome zeigt. Sie ist der sogenannte Symptomträger, der das, was im (Familien-)system ungünstig läuft, zeigt. Damit gibt es nicht mehr die eine Person, die das Problem hat, was es zu verändern gilt. Das ganze Umfeld wird mit in den Fokus genommen.

Um bei der Therapie die Rolle des/der Therapeut*in mit der therapeutischen Beziehung zu halten, sollte die Kontrolle über das Essen und Gewicht von einer anderen Instanz übernommen werden. Sinnvoll ist es daher, eine ärztliche und ernährungstherapeutische Begleitung bei der Behandlung miteinzubeziehen. Nur so können alle Aspekte und Nöte bei der Essstörungsbehandlung inkludiert werden.

Zudem ist wichtig festzuhalten, dass ein/e Patient*in eine gewisse psychische und physische Stabilität mitbringen muss, um eine ambulante Therapie oder Beratung zu machen. Bei starker Ausprägung der Symptome und/oder starkem Untergewicht ist ein Aufenthalt in einer stationären Klinik ratsam.

Wieso Essstörungen mein Herzensthema sind

Ohne meine eigene Essstörung, die ich 2006 entwickelt habe, wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Damals habe ich mich nach zwei Jahren akuter Krankheit in teil-stationäre Therapie begeben und war zum ersten Mal mit Psychotherapie konfrontiert. Ich habe das Essen wieder erlernt, mich mit mir auseinandergesetzt, unzählige Geschichten anderer Menschen mit Essstörung gehört. Mit Normalgewicht und einer riesigen Angst habe ich das Therapiezentrum damals verlassen. Angst davor, es nicht zu schaffen und wieder in die Spirale der Essstörung zu geraten.

Zu meinem Glück bin ich damals an eine ambulante systemische Therapeutin geraten, die die Funktion meiner Essstörung sehr schnell erkannt hat und mir einen neuen Umgang mit der Erkrankung beigebracht hat. Einen liebevollen und wertschätzenden Umgang, bei dem die Essstörung noch da sein durfte. Ich habe ihr einen neuen Platz in meinem System gegeben, wodurch ich kaum noch Symptome der Essstörung gezeigt habe. Seit 2009 halte ich ohne Anstrengung mein Gewicht.

Tief beeindruckt von dieser Erfahrung habe ich mein Tourismusmanagement-Studium abgebrochen und Psychologie studiert. Noch während meines Studiums habe ich die Weiterbildung zur systemischen Therapeutin begonnen.

Ich hatte das Ziel diese Erfahrung, die ich selbst gemacht hatte, an andere weiterzugeben.

Zwischen meinem Bachelor und Master hatte ich Zeit, ein Praktikum zu machen und mich entschieden, es in einer Beratungsstelle für Essstörungen zu machen, um herauszufinden, ob ich mit Betroffenen arbeiten kann. Es hat mir großen Spaß gemacht und ich hatte das Gefühl aufgrund meiner eigenen Erfahrung eine besondere Verbindung zu Betroffenen aufbauen zu können.

Zu meinem Glück hatte diese Beratungsstelle nach meinem Master-Abschluss eine Stelle frei und so konnte ich direkt in mein Berufsleben mit meinem Herzensthema Essstörungen starten, noch sehr viel lernen und mein Fachwissen und Methoden anwenden.

Systemische Therapie bei Essstörungen in der Praxis

Loslassen. Verstrickungen lösen. Funktionen erkennen. Das sind für mich in meiner Praxis die Kernelemente bei der Behandlung von gestörtem Essverhalten.

Dabei muss nicht die ganze Familie zur Therapie kommen. Es gibt hervorragende Methoden, um ein System nachzustellen. Das geht beispielsweise mit dem Systembrett, bei dem Figuren auf ein Brett gestellt werden und die Abstände, Zu- und Abgewandtheit dargestellt werden können. Auch die Essstörung an sich, das Gewicht, die Kontrolle usw. können als Figuren gestellt werden.

Gerne externalisiere ich die Essstörung, um die betroffene Person von ihrem gestörten Essverhalten deutlicher zu trennen. Oftmals beschreiben Klient*innen das Gefühl, die Essstörung selbst zu sein, anstatt eine Essstörung zu haben. Um dies zu verdeutlichen, kann zum Beispiel ein Stuhl in den Raum gestellt werden, der die Essstörung repräsentiert. Das macht einen neuen Dialog zwischen Klient*in und der Erkrankung und eine visuelle Auseinandersetzung möglich.

Um das in der Stunde Erlernte zuhause weiter zu vertiefen, gebe ich, je nach Thema und Prozess, Hausaufgaben auf. Ein Brief an die Essstörung kann hilfreich sein, um den Sinn und die Funktion besser zu verstehen. Um sich nach Außen in sein System mehr zu öffnen und damit bestimmtes Verhalten zu demaskieren und aus der Heimlichkeit herauszuholen, kann ein Brief an einen lieben Menschen, dem man endlich von seinen Schwierigkeiten erzählt, hilfreich sein. Natürlich (erstmal) ohne die Absicht ihn abzuschicken.

Das, was die Essstörung sichtbar und besprechbar macht, ist aus meiner Erfahrung hilfreich. Damit kann sie eingeordnet und liebevoll betrachtet werden und der Kreislauf auf Heimlichkeit, Zwang, Kontrolle und Abwertung unterbrochen werden kann.

Quellenangabe:

Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II – Das störungsspezifische Wissen. J. Schweitzer & A. von Schlippe. Göttingen, 2015. V & R Verlag.

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