Von den Chancen des Möglichkeitsraums

Von den Chancen des Möglichkeitsraums

Unsere Gastautorin Neda Mohaghegi beschreibt die Bedeutung von Perspektivwechseln und die neuen Möglichkeiten, die so entstehen können.

„Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“ 

Heinz von Foerster

Dieses Zitat von Heinz von Foerster begleitet Neda Mohagheghi seit ihrer Weiterbildung in systemischer Therapie und Beratung täglich in ihrem Tun. Als sie es das erste Mal las, erschloss es ihr ehrlich gesagt nicht so ganz, was es heißen sollte. Wahlmöglichkeiten? Hm.

Im Folgenden wird sie von ihrer Erfahrung davon berichten und wie sie systemisch arbeitet. 

Foerster setzte mit seinen Worten den Fokus auf die Eigenverantwortung und Einzigartigkeit des Einzelnen. Das Sichtbarwerden von neuen Möglichkeiten schafft laut ihm eine Verwirrung, die ein ethisches Grundprinzip sich manifestieren lässt – und dadurch wird die Freiheit des Anderen und einer Gemeinschaft vergrößert. Mit der Freiheit kommt auch eine größere Wahlmöglichkeit und diese wiederum ermöglicht, für die eigenen Handlungen Verantwortung zu übernehmen. 

Je mehr ich über das Systemische lernte und in meine Rolle als Beraterin und Therapeutin reinwuchs, desto klarer wurde mir die Bedeutung des Satzes. Heute ist er ein Teil der Basis meines Handelns als Systemikerin: Dieses Handeln ist der Vergrößerung von Wahlmöglichkeiten gewidmet, der Begleitung von Menschen auf dem Weg dahin, ihr Möglichkeitsdenken und damit ihren Möglichkeitsraum zu öffnen. Und diesem Möglichkeitsraum möchte ich mich in diesem Text widmen.

Unsere Konstruktionen

Alles ist eine Konstruktion. Unsere Wirklichkeit mit allem, was dazu gehört – wie ich die Welt sehe, Situationen bewerte, auf Menschen schaue und auf mich selbst. All das hängt davon ab, wie ich es für mich konstruiere. Und das wiederum hängt natürlich stark davon ab, wie ich geprägt wurde, was für Erfahrungen ich gemacht habe und welche Muster ich als für sinnvoll, hilfreich oder sogar überlebenswichtig erlernt habe. 

Habe ich erfahren, dass das Äußern meiner Meinung mit Liebesentzug bestraft wird, so ist meine Konstruktion von Beziehung möglicherweise davon beeinflusst. 

In der Arbeit mit Paaren begegnen mir hier immer wieder Konfliktmuster, die eine Prägung dieser Art aufzeigen. Ein Beispiel: Bei Maria und Daniel steht eine Entscheidung an, die gut abgewogen sein möchte. Daniel ist irritiert, weil Maria keinen klaren Standpunkt bezieht und Gespräche zum Thema immer wieder ins Leere laufen. Maria hat Schwierigkeiten, ihre Meinung zu äußern. Unbewusst wirken in ihr eine Vielzahl an Erfahrungen, die sie als Kind machte; wann immer sie ansatzweise ihre eigene Meinung äußerte, erfuhr sie Hohn und Liebesentzug von einem Elternteil. Um eine Wiederholung dieser Erfahrung in ihrer Beziehung zu vermeiden, fand sie für sich die Lösung, Daniel einfach zuzustimmen.

In dieser aktuellen Situation ist es für Daniel allerdings wichtig, dass Maria die Entscheidung mittrifft. Er drängt also darauf, dass sie ihre Meinung äußert und wird ungeduldig. Maria sieht ihre Befürchtung bestätigt und wappnet sich für den bekannten weiteren Verlauf von Hohn und Liebesentzug. Sie zieht sich noch mehr zurück, was wiederum Daniel noch mehr nachhaken lässt – und schon ist das Paar in einem Teufelskreis gefangen. 

Ein Blick auf Maria

Nehmen wir an, Maria kommt nun in die systemische Beratung. Sie berichtet von ihrer Sorge, dass Daniel sich von ihr trennen wird. Dass sie weiß, dass es wichtig ist, auch mal ihre Meinung zu sagen, sie das aber einfach nicht kann. Auch bei der Arbeit sei das für sie ein Thema, da sie schlecht im Nein sagen sei und dauernd von anderen Aufgaben zugeteilt bekommen würde.

In der Konstruktion ihrer Wirklichkeit ist Maria (gefühlt) gefangen im Problem. Sie kann sich nicht vorstellen, dass es anders als jetzt sein könnte. Gleichwohl sie als Ziel formuliert, dass sie sicherer sein will und sich besser abgrenzen können würde – dass das geht, glaubt sie aber (noch) nicht. Was ihr aktuell (gefühlt) bleibt ist, über das Problem zu reden, und das immer wieder. 

Man könnte sagen, dass der Möglichkeitsraum in ihrer Wirklichkeit noch hinter einer verschlossenen Tür liegt. Und auf diese Tür können wir als systemische Berater:innen neugierig machen und Klient:innen dabei begleiten, sie zu öffnen. 

Die Möglichkeitskonstruktion

Als Systemiker:innen interessieren wir uns für die Wirklichkeiten und damit auch die Konstruktionen von Menschen. Wir sind neugierig auf die guten Gründe dafür, dass sie sich so verhalten, sie so denken, kommunizieren und interagieren, wie sie es tun. Und wir sind überzeugt davon, dass jede Konstruktion auch dekonstruiert werden kann, um einer neuen, vielleicht hilfreicheren Konstruktion Platz zu machen. Und hierfür braucht es den Möglichkeitsraum.

Mit Möglichkeitskonstruktionen laden wir Menschen dazu ein, die Tür zu ihrem inneren Möglichkeitsraum zu öffnen. Wir können leise zu einem Gedanken im Sinne von „Was wäre, wenn…“ einladen und schauen, ob/was daraus erwächst. Vielleicht wird ein Perspektivwechsel möglich, der dann einen Unterschied macht. 

Für die Möglichkeitskonstruktion nutzen wir beispielsweise die hypothetischen Fragen, die zu meinen persönlichen Lieblingsfragen gehören.

Was bedeutet das für Maria? Bezogen auf das, was wir von ihr erfahren haben, könnten wir ihr Fragen wie diese stellen:

Nur mal angenommen, du hättest über Nacht gelernt, furchtlos deine Meinung zu sagen. Was wäre dann anders?

Lass uns mal rumspinnen, ganz hypothetisch: Was wäre, wenn du wüsstest, dir kann nichts passieren. Du hast sozusagen die Lizenz zum Neinsagen, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Wie würde sich das auswirken?

Der Effekt von hypothetischen Fragen

Mit hypothetischen Fragen laden wir Menschen zu Gedankenexperimenten ein. So kann unverbindlich in Richtung der Möglichkeit einer Lösung (noch nicht einer Lösung selbst!) geschnuppert werden. 

Wie Steve de Shazer sagte: „Problem talks create problems, solution talk creates solutions.” Und um über Lösungen sprechen zu können, können Gedankenexperimente eine Hilfe sein, um den Möglichkeitsraum dafür zu öffnen.

Wir können Maria nicht dazu zwingen, anders auf ihr Thema zu gucken – und wollen das auch nicht. Wir können ihr nicht irgendetwas aufdrängen, was bereits bei fünf anderen Menschen oder uns selbst super funktioniert hat. Denn ihre Wirklichkeit ist nun mal eine komplett andere und sie entscheidet, was für sie passend ist. Aber: Wir können ihr spielerisch neue Wege anbieten. Sie neugierig machen auf völlig abwegige und vielleicht gar nicht sooo abwegige Möglichkeiten. Und allein durch das Durchdenken dieser Möglichkeiten entsteht etwas total Wertvolles: Die Möglichkeit, dass es überhaupt anders sein könnte, als es jetzt gerade ist. Und dass sich dadurch etwas zum Positiven verändern könnte für Maria.

Und diese Idee kann durchaus Lust auf mehr davon machen und einen Prozess des Ausprobierens in Gang setzen. Ich erlebe in der Arbeit mit Klient:innen immer wieder diesen wunderbaren Moment der Überraschung, wenn die Erkenntnis kommt „Moment, ich habe eine Wahlmöglichkeit? Es könnte alles auch ganz anders sein, als ich es gerade sehe?“. Im Falle von Maria (die eine Leidenschaft fürs Theater hat) entwickelte sich daraus übrigens die Idee, bei der Arbeit einfach mal so zu tun, als sei sie so richtig gut im Neinsagen. Sie schlüpfte quasi in die Rolle einer Person, die diese Fähigkeit hat – und stellte fest, dass Ihre Kollegin auf ein Nein zwar leicht überrascht, aber nicht abweisend reagierte und die Beziehung intakt blieb. Ihr weiterer Weg beinhaltete auch die Arbeit mit Glaubenssätzen, aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Abschluss

In meiner Rolle als Lehrende für systemische Therapie und Beratung ist mir persönlich die Bedeutung des Möglichkeitsraums sehr wichtig. Nicht nur für Klient:innen spielt er eine Rolle, sondern natürlich auch für uns selbst – beispielsweise, wenn wir Hypothesen bilden wollen. Ich sage meinen Teilnehmer:innen gern: „Macht euren Kopf auf, denkt weit. Wie könnte es noch sein? Und wie noch? Und wofür könnte das gut sein? Was wäre eine Möglichkeit, damit umzugehen? Und was noch?“.

Die Weite im eigenen Kopf, das Öffnen des Möglichkeitsraums – für mich schwingen sie im Hintergrund immer mit als eine riesige Chance. Die Chance darauf, in der Arbeit mit Klient:innen Unterschiede zu machen, die für sie einen Unterschied machen. Und sie so dabei zu begleiten, die für sie hilfreichen Lösungen zu finden und umzusetzen.

Wir danken Neda für diesen informativen Artikel und hoffen, dass dieser sich euch etwas helfen konnte und ihr nun einen noch besseren Einblick in das systemische Arbeiten habt.

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