Systemische Familientherapie: Der kleine König

Systemische Familientherapie: Der kleine König

Die systemische Familientherapie wendet als Methode sehr gerne die Verbildlichung von komplexen Situationen und Dynamiken an. Verhaltensmuster und Emotionen werden in einfache Bilder übertragen. Dadurch kann ein neues Verständnis der Situation und ein Perspektivwechsel ermöglicht werden. Im folgenden Gastbeitrag beschreibt Michael Padel, systemischer Familientherapeut aus Hamburg, ein konkretes Fallbeispiel aus seiner Arbeit. Dabei benennt er auch die aus systemischer Sicht angewandten Fachaspekte.

Eltern wollen sich verstanden fühlen

Das Bild des kleinen Königs entsteht aus den Beschreibungen und Klagen der Eltern über ein böses und ungezogenes Kind. Ihr Kind hört nicht auf sie, zeigt sich aggressiv und produziert machtvollen Widerstand. Die elterliche Führung versagt, die Eltern schämen sich für ihr vermeintliches Fehlverhalten und versinken in Selbstzweifeln.

Im beispielhaften Fall ist es von großer Bedeutung, das Leid der Eltern zunächst zu würdigen, damit sie sich verstanden fühlen. In einem zweiten Schritt wechsle ich in die Perspektive des kleinen Königs. Dessen dominantes und herrisches Verhalten treibt die Eltern dazu, sich hilflos zu fühlen. Die Charakterisierung des Kindes bestätigen die Eltern meist mit einem Nicken. Durch die Würdigung ihrer Gefühle docke ich in diesem Moment an ihre Wirklichkeitskonstruktion an und betreibe ein Reframing bzw. eine Umdeutung der Symptomatik. Nachdem die Eltern sich in der Beschreibung des kleinen Königs angenommen und verstanden fühlen, wird diese neue Sichtweise im Genogramm abgebildet.

Genogramm zur Darstellung der Beziehungs- und Systemdynamik

Das Kind wird aus der Kindsposition mit einem Pfeil über die Elternebene gemalt, das Symbol des Kindes (Kreis oder Viereck) wird mit einer Krone versehen und ein lachendes Gesicht wird in das Symbol gemalt. Der machtvolle Platz des Kindes ist zwar ein lachender, zugleich aber auch ein herrschender. Das Nicken der Eltern wird stärker, ebenfalls lachend und fast erleichtert. Ihre Reaktion auf das Genogramm fällt ungefähr so aus:

„Unglaublich, ja so ist es, wir haben einen kleinen König zu Hause!“

In diesem Moment hat der vollzogene Perspektivwechsel zu einer Akzeptanz des Problems geführt. Durch das gemalte Bild wird der Verstehensmoment noch stärker und intensiver. Nicht nur der Verstand begreift, durch das Sehen wird ein sich akzeptierendes Fühlen ausgelöst. Erleichtert schildern sie weitere häusliche Situationen, wo – nun unter dem neuen Begriff – der König das Zepter übernommen hat und sie dadurch in die Rolle der Untertanen gerutscht sind. Die systemische Familientherapie ermöglicht es, dass eine vorher negativ beschriebene Familiensituation nun eine neue schlüssigere Beschreibung bekommt.

Ziel ist ein anderes Gleichgewicht und eine andere Ordnung im System

Im nächsten Schritt geht es um die Erarbeitung und Konkretisierung der Lösungsschritte und des Ziels. Das Ziel lässt sich meist wie folgt beschreiben: Die Eltern wollen ihrem Kind helfen, wollen wieder ein Kind und keinen König im Haus. Sie wollen, dass sich ihr Kind weniger dominant und aggressiv verhält. Sie möchten, dass es auf sie hört. Letztendlich sollte es das Ziel sein, eine andere, friedlichere und schönere familiäre Atmosphäre und ein akzeptierendes Miteinander zu schaffen. Durch die klare Formulierung einer Lösungsvision wird die Notwendigkeit einer anderen Ordnung im System erkennbar.

Bevor wir uns weiter der Lösung widmen, bringe ich als Zwischenschritt einen Aspekt ein, der meist sehr dankbar angenommen wird. In diesem Aspekt ist als Intervention wieder eine Umdeutung und das Anbieten einer anderen Wirklichkeitskonstruktion enthalten. Wir stellen uns gemeinsam die Frage, welche Dynamik zuvor im familiären Miteinander gewirkt hat? Welche Wirkfaktoren haben sich wechselseitig bedingt und zur Entwicklung des kleinen Königs geführt? Wir analysieren also die Autopoesie des Systems und schreiben die Wirkfaktoren in das konstruierte Bild. Einseitige elterliche Schuld löst sich auf, die systemische Grundhaltung verändert sich und die Eltern erkennen, dass sie in keiner linearen Wenn-Dann Kausalkette mit ihrem Kind leben, sondern in einer wechselwirkenden Beziehung.

Die systemische Familientherapie hat erreicht, dass die elterliche Haltung sich öffnet und nicht mehr in einem schützenden Widerstand gefangen ist. Eigene Anteile an den Wirkfaktoren können gesehen und angenommen werden. Die Geschichte erscheint logisch und schlüssig. An dieser Stelle kann es auch sinnvoll und hilfreich sein, die Generationenperspektive mit hinein zu nehmen, um zu verstehen, wie die Eltern aufgewachsen sind und was aus der Geschichte heraus heute auf ihre Rollen als Mutter und Vater wirkt. Das Transparentmachen von Leit- oder Glaubenssätzen kann neues Handeln ermöglichen.

„Erziehungsschwächen“ der Eltern werden zu einem verständlichen familiären Prozess

Sobald diese vorbereitende Analysearbeit erfolgt ist und sich die Haltung der Eltern geöffnet und entspannt hat, geht es darum, den König durch andere Interaktionen von seinem Thron zurück in die Kindsposition zu begleiten. Wir versuchen andere Ressourcen zu aktivieren. Den Eltern wird klar, wie es gehen kann und sie gewinnen an Kraft und Energie. Da ein herrischer König sein machtvolles Imperium selten freiwillig verlässt, ist es ihr Ziel ihrem Kind bei diesem Prozess zu helfen. Sie entwickeln eine neue Zuversicht in ihre eigenen Ressourcen und ihre elterliche Präsenz.

Im Verlauf meiner familientherapeutischen Arbeit leite ich die Eltern aus einem schamvollen Gefühl der Hilflosigkeit in eine neue gestalterische und kraftvolle Haltung. Durch die Übertragung von Verhaltensmustern und Emotionen in einfache Bilder und die Akzeptanz von Erziehungsfehlern als Wirkfaktoren finden die Eltern ihre erzieherische Präsenz und Führung wieder, die sie zuvor schleichend aufgegeben und verloren hatten. Das gemalte Bild entfacht die Lösungsessenz und begleitet den Lösungsweg visuell.

Vom Gefühl der Hilflosigkeit zu einem starken Bewusstsein

Am Ende dieses Lösungswegs wird klar, dass das Kind sich nur zum kleinen König entwickelt hat, weil es die Möglichkeit dazu hatte. Im Bewusstsein der Eltern ist nun ebenfalls klar, dass sie durch eine starke und kompetente Haltung in der Lage sind, die Beziehungsdynamik zu gestalten. Der Perspektivwechsel vom bösen, ungezogenen Kind hin zu einem geliebten und guten Kind, das einfach nur Teil eines sich gegenseitig beeinflussenden Systems ist, ist möglich geworden.

Resümee systemische Familientherapie

Diese wieder neu gewonnene Haltung der Eltern ist sehr wichtig für das Kind und beendet etablierte Mecker- und Anschuldigungskreisläufe. Eine weitaus friedvollere Atmosphäre kann entstehen und die Familie in einem sich akzeptierenden Miteinander leben.

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