Was ist systemische Therapie?

Was ist systemische Therapie?

Systemische Beratung und Therapie ist etwas, dass mich schon seit 1998 ungebrochen begeistert. Seit 2012 bilde ich systemische Berater:innen und Therapeut:innen an unterschiedlichen Instituten aus und habe eine eigene Praxis. Und noch immer ist die Frage „Was ist eigentlich systemische Therapie?“ für mich nicht so einfach zu beantworten. Möglicherweise wird es sogar schwieriger, je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige. Aus diesem Grund habe ich mich entschieden, die Frage anders zu stellen. Nämlich „WIE ist systemische Therapie?“

Wie ist systemische Therapie?

In mir wohnt die Idee, dass das Fragewort WIE hilfreich sein kann, Komplexität zu reduzieren ohne Tiefe einzubüßen. Also lade ich Dich auf eine kleine Reise in meine systemisch therapeutische Gedankenwelt ein. Allerdings sei gleich vorweggeschickt, dass jedes Anliegen ein Geeignetes für systemische Therapie ist. Wenn ich Dir gleich Tim vorstellen werde, dann darf er und sein Anliegen Dir und mir exemplarisch als fiktiver Klient dienen.  

Das wichtigste zuerst:  Kein anderes Verfahren legt so viel Wert darauf, dass Therapeut:innen eine besondere (systemische) Haltung und ein bestimmtes Menschenbild leben. Vollblut Systemiker:innen (dazu gehören auch Berater:innen, Coaches und Organisationsentwickler:innen)  ziehen nicht, nach getaner Arbeit, den weißen Kittel aus und denken zu Hause am Küchentisch in Diagnosen und Defiziten. Unser Menschenbild ist ressourcen– und kompetenzorientiert. Wir glauben daran, dass eine gute therapeutische Beziehung den Boden bereitet, den es braucht, um wirksam arbeiten zu können. So beginnt Tims Therapie nicht erst, wenn er durch meine Tür kommt.

Seine Therapie beginnt bei mir selbst: Wie ich die Welt sehe, wie ich mit mir umgehe, wie gut ich meine wunden Punkte kenne und wie gut ich in Beziehung gehen kann. Wir sind es gewöhnt an uns selber zu arbeiten, uns zu reflektieren und haben eigene Tränenmeere vergossen. Im direkten Kontakt fühle ich mit. Manchmal sehr tief, ich ergreife, wenn nötig die Hand, umarme wenn es stimmig ist. Ich würde die Straßenseite wechseln, um fragen zu können, wie es denn gerade so geht.  Wir verstehen uns als Sparringspartner:innen und als echtes spürbares Gegenüber. Daher betrachten wir Menschen, die wir unterstützen dürfen, nicht als defizitär oder gestört. 

Systemische Therapie an einem Beispiel

An dieser Stelle möchte ich Dir Tim vorstellen. Tim hat Probleme in seiner Beziehung. Er hatte eine sehr belastende Beziehung. Daraufhin hat er sich selbst das Versprechen gegeben, dass er eine solche Beziehung nie wieder erleben will. Jetzt, 7 Jahre später, ist er immer noch Single und leidet sehr darunter. So kam er zu mir in die Praxis.  Ein wenig genervt war Tim über den Hinweis, dass ich sein Single-Leben nicht beenden könne. Sehr wohl bin ich aber bereit mit ihm gemeinsam herauszufinden, was genau Beziehung noch verhindert. Danach können wir schauen, was für ihn hilfreich auf dem Weg zur Liebesbeziehung sein könnte.  

Wir nennen das Auftragsklärung und arbeiten ziemlich genau an dem, was sich unsere Klient:innen wünschen. Es ist völlig normal, dass eine gute Auftragsklärung und das Herausarbeiten eines überprüfbaren Zieles eine ganze Session in Anspruch nehmen kann. Innerhalb des Erstgespräches ist für Tim klar geworden ist, dass es ihm darum geht, sich in kleinen Schritten eine Erlaubnis zur erneuten Herzöffnung zu geben, ein „Bullshit-o-meter“ zu installieren. Dieser dient Frühwarnsystem und kann das Zutrauen in sich selber wachsen lassen („das kann auch nie wieder passieren, weil ich nicht mehr derselbe bin“). 

Leitgedanken in der systemischen Therapie

Einer unserer Leitgedanken ist, dass es für alles einen guten Grund gibt. Gut meint hier auf keinen Fall moralisch gut, oder die Bewertung. Um dies besser greifen zu können, folgen wir weiter Tim. Denn ich habe mich sehr früh gefragt, wofür es wohl gut sein mag, dass er nicht in Beziehung kommt. Welchen Gewinn hat er davon, dass er Single bleibt? Welche Ängste womöglich würden auftauchen, wenn eine passende Partnerin um die Ecke kommt? In Tims Fall beschützt das Single bleiben ihn vor einer Wiederholung der für ihn schlimmen Beziehungserfahrung.

Wie es jedoch oft der Fall ist, ist die Lösung von gestern das Hindernis von morgen. In Tims Fall ist genau das passiert. Und möglicherweise braucht er diese Lösung heute nicht mehr, aber zunächst war es ein kluger Lösungsversuch, um sich zu schützen und Zeit zum Gesunden zu verschaffen. Tim ist also ein höchst kompetenter Lösungserfinder und kann sein „Problem“ jetzt anders betrachten, z.B. etwas netter. Als Folge davon könnte er als ersten Schritt auf dem Weg zu einer neuen Liebe, einen etwas freundlicheren inneren Dialog mit sich führen.

Die Haltung in der systemischen Therapie

Eine weitere, daran anknüpfende Haltung ist das tiefe Vertrauen, dass Menschen einen Haufen an Ressourcen und Kompetenzen mitbringen. Alles, was es braucht, um Probleme zu lösen, ist schon da. Manchmal etwas verschüttet oder wie ein Rohdiamant oder aus Versehen vergessen. 

Um gemeinsam auf Ressourcen- und Kompetenzsuche zu gehen, braucht es eine große Portion Neugier und etwas, das wir Nicht-wissende Haltung nennen. Systemiker:innen gehen davon aus, dass es so etwas wie richtig und falsch nicht gibt. Natürlich gibt es Gesetze und natürlich gibt es ethische Richtlinien, die wir vertreten. Dennoch können wir z.B. nicht ermessen (und bewerten), was für den/die jeweilige:n Klient:in wahr, gut, angemessen ist. 

Ich weiß nicht, welche Menge an Wut für Tim die richtige Dosis ist, wenn er seiner Schwester begegnet, die ihn stetig fragt, wann er denn endlich wieder eine Beziehung hat und dass es doch so schön wäre, wenn sie gemeinsam Eltern werden, damit die Kinder dann zusammen aufwachsen können.

Wir haben eine Menge toller Fragen und Methoden, die helfen herauszufinden, wieviel Wut (in Tims Fall) es braucht. Z.B. „Auf einer Skala von 1-10, wobei 10 für völlige Eskalation steht und 1 für ein leises Augenrollen, für welche Stufe würde Dir Dein/e beste Freund:in jubelnd applaudieren? Nehmen wir mal an, Du zeigst Deine Wut der Stufe X, beim nächsten Familientreffen, und ich befragte Dein zukünftiges Ich, dass schon 1 Jahr älter und reifer ist, was würde es mir dazu sagen? Was glaubst Du, wäre eine angemessene Dosis an Wut, mit der Du Dich am Tag danach wohl und ein bisschen stolz fühlst?“ Denn möglicherweise, so war meine Hypothese, würde ein entspannterer Tim, ohne selbsterzeugten inneren Druck, sehr anziehend wirken.

Methoden in der systemischen Therapie

Wir fragen gerne und viel, um Klient:innen in ganz neue Denkrichtungen zu schicken und die Aufmerksamkeit auf Ressourcen und Kompetenzen zu fokussieren. Oft fragen wir zirkulär. Das bedeutet, wir fragen, was jemand Anderes dazu sagen/ denken/ fühlen würde, um die Möglichkeit zu schaffen andere Perspektiven einzunehmen. Neben der anderen Perspektive geben wir so der Idee Raum, dass Menschen, Symptome, etc. wechselwirksam sind. So kann z.B. eine von Eltern vorgelebte Eifersucht zu einer selbst erlebten und gelebten Eifersucht im Jetzt als erwachsener Mensch führen. 

Also – Lisa, die neue Freundin von Tim (ich freue mich total, dass Tim sich geöffnet und in seinem Herzen Platz für einen tollen Menschen gemacht hat!), versteht nicht, wieso es immer Streit mit Tim gibt, wenn sie sich mit ihren Freundinnen treffen will. Sie hat sogar schon einmal die leise Idee gehabt, nicht zu erzählen, was sie macht, oder einfach etwas anderes zu sagen. Tim versteht sich selber nicht und wünscht sich sehr, er würde anders fühlen und handeln können.

An der Stelle spätestens lade ich Tim ein, mit mir ein Genogramm zu erstellen. Das ist eine Art Stammbaum mit vielen zusätzlichen Informationen. Orte, Religionen, Berufe, Krankheiten, Todesgründe, besondere Eigenschaften und Kompetenzen, usw. All das sind für uns relevante Informationen, die Aufschluss darüber geben können, welcher biografische Wind in Tims Familie weht. Beim Lesen seines Genogrammes finden wir heraus, dass Tims Oma ihren Mann im Krieg verloren hat und mit Tims Mutter, die noch ein Baby gewesen ist, alleine war. In ihrer Not und weil sie an die Liebe glaubte, hat sie einen neuen Mann geheiratet.

Als Tims Mutter 7 Jahre alt war, kam ihr Vater, der fälschlich für tot gehalten wurde, aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Dass es Eifersucht und einige Streitigkeiten zwischen Tims Oma und den beiden Männern gegeben hat, erscheint nur allzu logisch. Und dass Tims Mutter in einer Familie groß geworden ist, in der Eifersucht eine zentrale Rolle spielte, aber auch die Angst, ein Herzensmensch könne weggehen und dann jemand Neues finden, wohnte, liegt auch nahe.  Als Kriegs- /Nachkriegskind hatte Tims Mutter nicht den Luxus der Selbstreflexion und hat das bekannte Beziehungsmuster ihrer Eltern wiederholt.

Tim ist nun der Erste in der Familie, der die Zeit, Gelegenheit und den Mut hat hinzuschauen und darf entdecken, dass es hier Wechselwirkungen gibt. Also hat die Eifersucht mit ihm, seinen Eltern, aber auch der tragischen Geschichte seiner Großeltern zu tun. Manchmal reicht es schon aus, solche Zusammenhänge zu begreifen, bei Tim war das so. Er brachte später Lisa mit in die Therapie und wir haben gemeinsam Lösungsstrategien entwickelt. 

Das Wichtigste zum Schluss

An dieser Stelle möchte ich Tim, Lisa und auch Dich entlassen und mich fürs dranbleiben Bedanken. Mit der Hoffnung, Dir eine erste Idee über „Was ist systemische Therapie?“ schenken zu können. Ich ende jedoch nicht, ohne drei kleine wichtige Nachsätze:

  1. Jede Therapie ist individuell und Tims Weg ist nicht übertragbar, sondern exemplarisch zu betrachten.
  2. Jede/r Therapeut:in arbeitet je nach Persönlichkeit etwas anders.
  3. über systemische Haltungen und das hier verdeutlichte Menschenbild herrscht Konsens.

Über Feedback, Rückfragen oder einen Dialog freue ich mich.

Herzlichst Yasmin

EIN KOMMENTAR

Marlies

Hallo Yasmin, ich bin bis zuletzt drangeblieben! Auch für einen Laien konkret und sehr gut verständlich. Gut gemacht. Liebe Grüße von Deiner Mama

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