Meditation im systemischen Coaching

Meditation im systemischen Coaching

Meditation ist heutzutage ein bekannter Begriff. Die positiven Auswirkungen auf Körper und Geist sind wissenschaftlich belegt. Sogar in der Unternehmenswelt ist der Trend der Achtsamkeit bereits angekommen.1

Auch im systemischen Kontext kann Meditation ein nützliches Werkzeug sein, um den eigenen Veränderungsprozess nicht nur rational zu durchdenken, sondern auch gleichzeitig körperlich und emotional zu erfahren. Meditation ist ein Werkzeug, welches die Erlebbarkeit unterstützt. Sie kann dabei helfen, aus unserem Automatismus und Unbewusstsein auszubrechen und eröffnet den Nährboden für nachhaltige Veränderungen. 

Geheimwaffe Meditation 

Wer noch nie meditiert hat, wird schnell merken, dass Gedanken die Wahrnehmung von dem eigentlichen Ziel der Meditation, in der Gegenwart zu verweilen, abziehen. Gedanken haben eine unheimlich ablenkende Macht. Nur weil man will und sich dazu entschlossen hat zu meditieren, heißt es nicht, dass der Verstand mitspielt. Meditation ist Training. Es geht darum die Aufmerksamkeit zu schulen und in Kontakt mit sich selbst zu kommen, im gegenwärtigen Moment zu verweilen und zu beobachten.2

Eine Gemeinsamkeit, die die Philosophie der Achtsamkeit und die Systemik haben, ist die ganzheitliche Betrachtungsweise. Wo die Systemik ganzheitlich auf die verschiedenen Lebensbereiche und Einflüsse eines Menschen blickt, betrachtet die Achtsamkeitslehre die Ganzheitlichkeit von  Körper, Geist und Seele. In beiden Schulen gilt: jeder Menschen ist Experte für sein eigenes Leben, seinen Körper und seinen Geist. So wie wir sind, sind wir vollkommen – mit all unseren Unvollkommenheiten. 

Auch und gerade im Veränderungsprozess, bei dem es darum geht Neues zu etablieren, ist der ganzheitliche Blick unabdingbar. Veränderung ist ein vielschichtiger Prozess, der ganzheitlich betrachtet werden sollte, um nachhaltig zu wirken. 

Veränderung ganzheitlich betrachten 

In unserem Alltag werden Probleme ausschließlich rational betrachtet – der Kopf soll entscheiden. Vielleicht ist dies auch der Grund, wieso gerade persönliche Veränderungen schwer umzusetzen sind. Der Kopf macht und möchte zwar, aber irgendwie klappt es dann doch nicht.  Für eine erfolgreiche Veränderung reicht oft nicht nur die rational Entscheidung, sondern es müssen auch alte Muster bewusst abgelegt und emotional akzeptiert werden, was die Veränderung mit sich bringt.  Veränderung ist ein emotional aufwühlender Prozess. In meinen Konzept des systemischen Veränderungscoachings nutze ich darum bewusst die Meditation, um dem Klienten neben dem rationalen Verstand einen Raum zu eröffnen, in dem er die dazugehörigen Körperempfindungen und Emotionen erleben kann. 

Wirkung von Meditation

Heutzutage läuft alles sehr schnell. Wir sind unzähligen Stressoren ausgesetzt, die eine Auswirkung auf unsere Körperfunktionen haben. Stress löst in unserem Gehirn den bekannten Überlebensmodus aus. Der Sympathikus – ein Teil des autonomen Nervensystems – wird aktiviert und sorgt dafür, dass wir unter der Belastung funktionieren können. So kurbelt er die Funktionen an, die den Körper in erhöhte Leistungsbereitschaft bringen. Der Herzschlag wird erhöht, das Blut fließt in die Extremitäten, einige Körperfunktionen wie z.B. die Verdauung werden gedrosselt und es wird Energie verbraucht. In diesem Zustand können wir performen, verlieren gleichzeitig aber auch den ganzheitlichen Blick für uns und unseren Körper. In diesem Modus wird der Körper darauf eingestellt, dass nur noch reagiert wird, genaues wahrnehmen von Emotionen oder Symptomen wie beispielsweise Schmerz wird durch die Hormonausschüttung unterdrückt.

Im meditativen Zustand wird ein Gegenspieler des Sympathikus aktiviert – der Parasympathikus. Wenn wir zur Ruhe kommen, signalisiert er dem zentralen Nervensystem, dass Regenerationsprozesse einsetzen sollen. Anspannungen können losgelassen werden, der Herzschlag sowie die Atmung beruhigen sich und andere Körperfunktionen werden wieder hochgefahren.

In diesem Ruhezustand ist es möglich den Körper als Ganzes wahrzunehmen. Wenn das Nervensystem zur Ruhe kommt, eröffnet sich ein Raum, in dem körperliche Empfindungen plötzlich erfahrbar werden. In diesem Zustand kann ein Problem ganzheitlich erfahren werden. 

Meditation als Bewusstseinswerkzeug im systemischen Coachingprozess

Als Fallbeispiel führe ich im folgenden den Fall meines Klienten Lukas aus. Lukas wünscht sich eine Veränderung in seinem Leben. Im Vorgespräch berichtet Lukas, dass er nicht weitermachen möchte wie bisher. 

Lukas arbeitet zu viel, gleichzeitig spürt er keinen Sinn mehr für seine Arbeit. Er hat das Gefühl nicht sein Leben zu leben. Zudem ist er unglücklich, weiß aber nicht, was er verändern soll. Er fühlt sich gefangen. 

Zu seinen Eltern hat er eine gute Beziehung. Sie sind sehr stolz auf ihren einzigen Sohn, der so erfolgreich ist. Schon früher hat er besonders viel Anerkennung und Aufmerksamkeit bekommen, wenn er gute Leistungen gebracht hat. 

Im detaillierten Auftragsklärungsgespräch definiert Lukas einen Soll Zustand – eine Vision von sich und seinem Leben mit kleinen smarten Zwischenzielen. Dieser Teil geschieht ausschließlich mit dem Verstand. 

In seinem Alltag kommt Lukas selten zur Ruhe und hat das Gefühl unter Dauerstrom zu stehen, somit ist im Alltag für ihn sein Zustand nicht ganzheitlich spürbar. Um körperlich zu erfahren, welche Auswirkung sein Veränderungswunsch mit sich bringt, wird Lukas in dem zweiten Teil der Sitzung in einen meditativen Zustand geführt. Das Ziel dieser Übung ist, dass der Parasympathikus aktiviert wird und das Nervensystem zur Ruhe kommt.

Bewusstseinsreise in Richtung der körperlichen Ebene

Im Ruhemodus fängt der Körper an Ablenkungsimpulse zu senden, in Form von Körpersymptomen wie z.B. ein unwohles Gefühl im Magen oder ein Druck auf der Brust. Die Aufmerksamkeit wird auf genau diese auftauchenden Körperempfindungen gelenkt und es wird ihnen ein Raum eröffnet, in dem sie das sein dürfen, was sie sind. Lukas beobachtet im ersten Schritt, was sich im Inneren abspielt und beschreibt, was er innerlich wahrnehmen kann. 

Im nächsten Schritt wird das Bewusstsein auf die Symptome ausgedehnt, mit einer wohlwollenden und akzeptierenden Haltung anstatt mit Abwehr zu reagieren. So werden körperliche Beschwerden zu potenziellen Lehrern in der Selbsterkenntnis. Lukas erlebt sich als Ganzes und spürt unmittelbar die körperlichen Reaktionen auf seine Gedanken und die damit ausgelösten emotionale Reaktionen in ihm. 

Er spürt die Nacken- und Schulterverspannungen, die bis in seinen Magen ausstrahlen.  Er spürt seine Schläfen pochen. Durch Fragetechniken unterstütze ich Lukas in diesem Prozess, sodass er tiefer in die Empfindungen eintauchen kann und ins Erleben kommt. So spürt er im weiteren Verlauf die Angst in seiner Kehle sitzen, die ihn daran hindert nach seinen Vorstellungen zu leben. Er spürt eine tiefe Traurigkeit in seiner Magengegend und kann spüren, wie der Leistungsdruck ihm das Atmen erschwert. Im Prozess erinnert er sich sogar an einen Glaubenssatz von damals, der ihn noch heute unbewusst antreibt: “Wenn ich mich anstrenge, haben mich meine Eltern lieb.”

Diese Erfahrung hat Lukas bereits nach der ersten Sitzung sehr aufgewühlt und gleichzeitig viel erkennen lassen. Im weiteren Prozess konnte er bereits erste positive Veränderungen vornehmen. 

Erlebbarkeit durch Meditation

Sage es mir und ich vergesse es. Zeige es mir und ich werde mich erinnern. Lass es mich selbst [erfahren] und ich behalte es.

– Konfuzius

Einen selbstdefinierten Veränderungsprozess nicht nur mit dem rationalen Verstand, sondern auch mit dem eigenen Körper zu spüren und wahrzunehmen, schafft den Nährboden für nachhaltige Veränderung. Die Systemik besagt, dass jeder seine eigenen Realisierungen machen muss, zum Beispiel durch das Erkennen von eigenen Mustern und vor allem auch Ressourcen. In der systemischen Arbeit wird daher oft nach bereits vorhandenen Lösungen gesucht, zum Beispiel durch die Frage: “Wann hast du ein ähnliches Problem schon mal erfolgreich überwunden?” 

Es ist jedoch so, dass wir Menschen heutzutage so sehr darauf geschult sind, unsere Erkenntnisse rational herbeizuführen, dass wir kaum mehr einen Zugang zu unseren Körperempfindungen und Emotionen haben. In der Meditation lernen wir unseren Körper und unsere Gefühle wieder wahrzunehmen. Deshalb kann die systemische Arbeit im meditativen Zustand dabei helfen eine noch tiefer liegenden ganzheitlichen Blick auf die eigene Situation  zu  werfen.  Um Veränderung nachhaltig zu erleben, ist es erfahrungsgemäß unabdingbar diese Teile als ein Ganzes zu betrachten. Meditation in Kombination mit systemischen Methoden eröffnet so den Raum für neues Bewusstsein.

1. Narbeshuber, E & J. (2019). Mindful Leader: Wie wir Führung für unser Leben in die Hand nehmen und uns Gelassenheit zum Erfolg führt

2. Kabat-Zinn, J. (2013). Gesund durch Meditation: Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR

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