Die Systemische Schleife als Navigationshilfe

Die Systemische Schleife als Navigationshilfe

Eine der aus meiner Sicht wichtigsten Errungenschaften systemischen Arbeitens findet sich in der Anwendung der Systemischen Schleife als Metaprozess und Navigationshilfe. Durch die Metapher der Schleife wird bereits deutlich, dass systemische Beratungsprozesse wenig linear verlaufen. Stattdessen versucht der Systemiker*in sich den Gegebenheiten und Situationen des Klientensystems regelmäßig versuchen anzupassen. Dadurch werden eben Schleifen gedreht und somit kann der Weg zum Ziel verschiedene Kurven nehmen, Haltepunkte und Hürden. Er kann auch Schnellstraßen und Abbiegungen beinhalten. 

Das Arbeiten in „iterativen Schleifen“ findet allerdings nicht nur in der systemischen Beratung statt. Auch in vielen agilen Frameworks wie z.B. SCRUM finden sich Wiederholungen und iteratives Vorgehen. Hieran zeigt sich, dass komplexe Problem- und Fragestellungen Beratungsverfahren benötigen, die solche Komplexitäten gewachsen sind und Komplexität reduzieren. Dadurch werden Lösungsoptionen sichtbar

Nachfolgend möchte ich eines der wesentlichsten Steuerungsmethoden für die systemische Beratungspraxis näher erläutern und einen Einblick in meine Form der praktischen Anwendung zu geben. 

Was ist die Systemische Schleife? 

Als Metamodell gibt die Systemische Schleife dem Beratersystem Orientierung für den Beratungsprozess. Ich arbeite gern mit einem erweiterten Modell der Systemischen Schleife, das aus 5 Phasen besteht: 

  1. Beobachtungen über das System sammeln 
  2. wertschätzende Hypothesen aufstellen 
  3. Überprüfen der Hypothesen durch (systemische) Fragestellungen 
  4. Ableiten von Arbeitshypothesen 
  5. Gestalten von Interventionen, Wiederholung 1.-5. 

Jede Phase der systemischen Schleife ist für sich genommen ein Bestandteil im Beratungsprozess und gleichzeitig drehen viele systemische Beratungsprozesse diese Schleifen mehrmals. Um den praktischen Mehrwert der systemischen Schleife erfahrbar zu machen, soll nachfolgend eine Klientensituation in der Einzelberatung als Case-Study dienen. 

Frau A (35) ist Abteilungsleiterin eines größeren sozialen Trägers und sucht Begleitung in Form eines Coachings, um das neu zu formierende Team gut auf die anstehenden Herausforderungen vorzubereiten und dazu ihre Leitungsfunktion zu reflektieren. Außerdem möchte sie neue Ideen für ihren Führungsalltag bekommenSie kommt zur ersten Sitzung 15 Minuten zu spät.“ 

Wie funktioniert das Arbeiten mit der Systemischen Schleife in der Praxis? 

Phase 1: Beobachtungen sammeln 

Die Arbeit mit der systemischen Schleife beginnt in unserem Beispiel damit, dass wir ganz bewusst 1. Beobachtungen über unsere Klientin machen, wenn diese zur Tür hereinkommt. Ich nutze diese erste Begegnung in der Praxis bereits dazu, um zu schauen …wie es ihr/ihm geht? …wie ist die Körperhaltung? Gehetzt? Entspannt? Neben dem Zuhören als eine der Grundfähigkeiten einer*s guten Beraters*in halte ich es für essentiell, auch die leisen und lauten Töne des Körpers zu erfassen, um ein möglichst gutes erstes Bild zu bekommen. 

Phase 2: Hypothesen bilden

Mit diesen ersten Informationen kann ich mich mittels 2. wertschätzender Hypothesen gut auf den Klienten einstellen. 

Bei der sprachlichen Konstruktion von wertschätzenden Hypothesen drückt sich für mich die systemische Haltung (vgl. DGSF) aus. Diese ist gekennzeichnet von einem sehr humanistischen Weltbild und einer starken lösungs- und ressourcenorientierten Betrachtung der Klientensysteme. 

Dem entgegen könnte eine einfache – linearkausale, defizitorientierte Hypothese – bei unserem Fall lauten: 

  • Frau A hat schon immer ein Problem mit ihrem Zeitmanagement, vermutlich bringt sie das auch in diese Sitzung ein. 

Hingegen frage ich tendenziell eher nach dem guten Grund für ein gewisses, aktuell beobachtbares Verhalten. Zum Beispiel könnte meine Hypothese in der Situation dann lauten: 

  • Möglicherweise hat Frau A aktuell in der Organisation einiges zu tun, dennoch hat sie sich darum bemüht die Sitzung heute pünktlich zu erreichen. Dabei hat sie viele Hebel in Bewegung gesetzt, um nicht 30 Minuten zu spät zu kommen. 

Durch die Konstruktion der Hypothese im Konjunktiv bleibe ich als Berater*in in der konstruktivistischen Haltung des Nicht-Wissens (…möglicherweise…). Diese nichtwissende Haltung erzeugt Neugier und lässt mich dranbleiben. 

Die positive Konnotation der Hypothese hilft mir dabei, mich auf die wertvollen und nützlichen Aspekte zu konzentrieren, anstatt Probleme zu wälzen, die es vielleicht nur in meiner Konstruktion von Wirklichkeit gibt. 

Durch die Fokussierung auf die zeitliche Ebene des „jetzt“ kann ich mich darin trainieren den „nächsten Schritt“ im Blick zu behalten und somit der Verführung entgehen, das Problem in der Vergangenheit lösen zu wollen. 

Wesentlich für das systemische Arbeiten ist neben oben genanntem auch die Annahme, dass es Ressourcen gibt, die dem Klientensystem bereits zur Verfügung stehen. Diese müssen ihm allerdings noch nicht voll bewusst sein und sind flexibel einsetzbar. Durch diese Art der (inneren) Möglichkeitskonstruktionen, kann ich mich als systemischer Berater wohlwollend und möglichst neutral auf den Klienten und den gemeinsamen Prozess einlassen. 

Phase 3: Überprüfen der Hypothesen

Dadurch werden erste 3. (systemische) Fragen möglich, die die Sitzung mit Frau A eröffnen: 

  • Wie war ihr Weg hierher? 
  • Was benötigen Sie heute hier als erstes, um gut in den Prozess einzusteigen? 
  • Wenn ich derzeit in ihre Arbeitssituation schauen würde: Was würde ich sehen? Was gelingt ihnen gut? Worin sehen sie noch Entwicklungschancen? 
  • … 

Darauf folgen dann ein Dialog sowie weitere Fragen, um noch mehr zu erfahren und die Hypothesen zu überprüfen. In der Praxis wiederhole ich die Schritte 1.-3., denn durch jede Erzählung des Klientensystems werden neue Informationen sichtbar, die wiederum neue Hypothesen ermöglichen und durch Fragen entweder bestätigt oder verworfen werden. 

Phase 4: Ableiten von Arbeitshypothesen 

Ist die Situation gemeinsam exploriert, können sich aufgrund des Gehörten und gemeinsam Entwickelten IST-Bildes nun erste 4. Arbeitshypothesen bilden. Die Arbeitshypothese zeichnet sich für mich dadurch aus, dass sie a) vorläufig ist und b) eine konkrete Idee zur Intervention beinhaltet. 

In unserem Fall könnten Arbeitshypothesen lauten: 

  • Möglicherweise ist es hilfreich mit Frau A zunächst die wesentlichen Teammitglieder und ihre derzeitigen Rollen und Aufgabenverteilungen zu visualisieren, um daraus ein gemeinsames Bild der notwendigen Maßnahmen für sie und das Team abzuleiten. 
  • Es könnte sein, dass für Frau A eine Beobachteraufgabe hilfreich ist, ihre Ressourcen und Zeitfresser im Führungsalltag zu identifizieren und diese zu nächsten Sitzung mitzubringen. 
  • Es scheint so, als ob für Frau A ein gemeinsames Visionsbild hilfreich wäre, um die Motivation für die nächsten Schritte hoch zu halten sowie eine Zielerreichung für den Coachingprozess zu ermöglichen. 

Diese nächsten Schritte sind jetzt wiederum mit dem Klientensystem abzustimmen. Hier nutze ich sprachlich gern die Formulierung des „Angebots“, um das Einverständnis meiner Klienten abzuholen und Transparenz über meine nächsten Schritte in der Beratung herzustellen. Es folgt also das 5. Gestalten von Interventionen

Phase 5: Interventionen gestalten 

Unter systemischen Interventionen können wir eine Vielzahl von angewandten Werkzeugen, Methoden, Visualisierungen etc. finden. Eine hilfreiche Handreichung dazu liefern Schlippe/Schweitzer (systemischen Interventionen). An dieser Stelle möchte ich daher keine konkreten Methoden vorstellen. Vielmehr halte ich es als wichtig die Wirkweisen der ausgewählten und mit dem Klientensystem durchgeführten Interventionen maßvoll zu wählen. Nach dem Motto „nicht jeder Nagel braucht einen Hammer“. 

Als wesentliche Auswahlkriterien für gute systemische Interventionen eignen sich aus meiner Sicht die folgenden Punkte, auf die systemische Berater*innen Wert legen sollten: 

  • Wie ist die Passung der Intervention zum Klientensystem und dessen Erfahrungshorizont sowie individuelle Reflexionsfähigkeit? 
  • Welche Erfahrungen habe ich als Berater*in (gute/nicht so gute) in der Anwendung gemacht? 
  • Wie gut kann ich als Prozessverantwortliche*r mit Unvorhergesehenem bei der Durchführung der Intervention umgehen? 

Fazit 

Das Arbeiten mit der systemischen Schleife schafft Ordnung der Informationen, die vom Klientensystem gegeben werden und strukturiert die eigenen Gedanken. Dadurch kann ich als Systemischer Berater die oftmals komplexen Wirrungen der Klientenerzählungen besser nachvollziehen und einordnen sowie passgenaue Angebote und Wege zur Lösung mit dem Klienten gemeinsam entwickeln. 

Genauso lässt sich die systemische Schleife aber auch als Weg zwischen einzelnen Sitzungen kennzeichnen, so dass Schleife an Schleife anschließt und somit Entwicklung möglich wird. 

Neben der Anwendung in der Einzelberatung findet die systemische Schleife genauso gut ihren Platz in der Beratung von Teams, Gruppen oder Organisationen. Hierbei werden durch die Beobachtungsvielfalt eben noch mehr Hypothesen möglich, was dann auch einer höheren Komplexität der Beratungsprozesse entspricht. 

Letztlich eignet sie sich auch zur Selbstreflexion als Berater*in, in dem wir uns bei schwierigen Fällen „selbst beobachten“ und somit auch Hypothesen über unsere Interaktion mit dem Klientensystem aufstellen können. Daraus kann dann im Selbstcoaching eine neue Richtung für die nächste Sitzung gefunden werden, die beiden Teilen die Freude an der Zusammenarbeit wieder ermöglicht. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.