Rückblick Systemischer Club-Abend: Wo beginnt Suizidprävention?

Rückblick Systemischer Club-Abend: Wo beginnt Suizidprävention?

Suizidprävention

Beim vergangenen Club-Abend unseres Systemischen Netzwerks durften wir uns einem Thema widmen, das oft von Unsicherheiten und Sprachlosigkeit begleitet wird: der Suizidprävention. Unsere großartige Referentin Hanna Wüstenhöfer hat uns durch diesen Abend begleitet und uns wertvolle systemische und salutogenetische Perspektiven eröffnet.

Da das Thema Suizidalität sehr berühren kann, starteten wir mit klaren Leitplanken in den Abend:

  • Niemand musste persönliche Erfahrungen teilen.
  • Wir sprachen über Suizidalität auf einer Metaebene, ohne konkrete Methoden oder Suiziddetails zu benennen.
  • Unterschiedliche Erfahrungen und Unsicherheiten durften da sein – ohne den Druck, perfekte Antworten finden zu müssen.

Wichtige Notfallkontakte

Bitte zögere nicht, diese Nummern weiterzugeben oder selbst zu nutzen, wenn du Dich aktuell in Not befindest:

  • Telefonseelsorge: 0800 1110111
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116 117
  • Chatseelsorge.de
  • Bei akuter Gefahr: Notruf 112

Zwischen Unsicherheit und Handlungsfähigkeit

Zu Beginn stellte Hanna uns eine wichtige Reflexionsfrage: Auf einer Skala von 1 (sehr unsicher) bis 10 (sehr handlungssicher) – wie handlungsfähig fühlst du dich, wenn dir Suizidalität begegnet? Die Antworten unserer Teilnehmenden fielen sehr divers aus und reichten im Chat von einer 3 bis zur 10. Doch was macht uns eigentlich so unsicher? Oft sind es:

  • Schamgefühle
  • Das Nicht-Wissen, wie direkt man eigentlich fragen darf
  • Die Angst, etwas Falsches zu sagen oder die Person erst auf die Idee zu bringen
  • Die Sorge vor der großen Verantwortung

Der Weg von der Pathogenese zur Salutogenese

Ein Kernstück von Hannas Impuls war der Perspektivwechsel hin zur Salutogenese nach Aaron Antonovsky. Anstatt sich nur zu fragen, was Menschen suizidgefährdet macht (Pathogenese), schauten wir darauf, was Menschen brauchen, damit das Leben lebenswert und tragfähig bleibt.

Hierbei spielt das Kohärenzgefühl eine zentrale Rolle, welches auf drei Säulen ruht:

  • Verstehbarkeit: Das Wissen und die Orientierung rund um das Thema.
  • Handhabbarkeit: Das Kennen von Ressourcen und Werkzeugen im Umgang mit Krisen.
  • Bedeutsamkeit: Die Erfahrung, selbst einen Unterschied machen zu können.

Natürlich haben wir auch auf die Fakten geblickt. Mehr als 10.000 Menschen haben sich in Deutschland im Jahr 2024 das Leben genommen, wobei Männer mit 71,5 % deutlich häufiger betroffen sind. Risikofaktoren wie psychische Erkrankungen (die 60 bis 70 % der Fälle ausmachen) oder akute Lebensbelastungen spielen eine große Rolle. Nach dem Pöldinger-Modell durchlaufen Betroffene meist drei Phasen: die Erwägungsphase, die Ambivalenzphase und schließlich die Entschlussphase. Umso wichtiger ist es, auf Warnzeichen zu achten:

  • Auffällige Vernachlässigung des eigenen Erscheinungsbildes oder starke Gewichtsveränderungen.
  • Rückzug aus dem Alltag und plötzliche Leistungseinbrüche.
  • Anhaltende Niedergeschlagenheit, starke Stimmungsschwankungen oder aggressive Reaktionen.
  • Verändertes Sprachmuster oder ein erhöhter Substanzkonsum.

Prävention beginnt vor der Krise: Unser gemeinsamer Denkraum

Im anschließenden offenen Austausch haben wir darüber gesprochen, dass Suizidprävention nicht erst in der akuten Krisenintervention der Psychiatrie beginnt, sondern viel früher in unserem alltäglichen Miteinander. Verbundenheit und das Gefühl der Zugehörigkeit sind für uns elementare Schutzfaktoren.

Der Raum war gefüllt mit wertvollen und teils sehr persönlichen Erfahrungen. Ein Betroffener hob hervor, wie wichtig es sei, Stigmata in der Gesellschaft abzubauen und betonte, wie essenziell es ist, Betroffene nicht auszuschließen, sondern in den Dialog einzubeziehen. Wir waren uns einig, wie wichtig Kontaktaufnahme, Wertschätzung, aber auch professionelle Begleitung (etwa durch Therapie und Medikamente) sind.

Ein Fazit, das wir alle gezogen haben: Wir brauchen mehr Zivilcourage, um Veränderungen bei unseren Mitmenschen mutig anzusprechen. Gleichzeitig wurden die Lücken im Versorgungssystem thematisiert und an die Wichtigkeit von Supervision für uns als Beratende erinnert.

Wie es jetzt weitergeht

Unsere Impulsgeberin Hanna plant aktuell die Gründung eines Vereins zur Suizidprävention und erstellt eine umfassende Landkarte mit Daten, Fakten und bestehenden Hilfsangeboten. Kontaktiere Hanna gern, wenn du ihr Vorhaben unterstützen magst: https://www.instagram.com/wuestenfluss/

Zudem findet ihr hier noch eine Sammlung der Ressourcen und Links, die von der Gruppe im Chat geteilt wurden:

Ein riesengroßes Dankeschön an Hanna für diesen bereichernden Impuls und an euch alle für diesen wundervollen Denkraum, der geprägt war von großem Respekt, Mut und Wohlwollen.

Werde Mitglied unseres Systemischen Netzwerks!

Vielleicht warst du an diesem Abend nicht live dabei oder bist gerade erst auf uns aufmerksam geworden. Unser Systemischer Club-Abend findet bereits seit 2020 einmal im Monat statt und hat sich zu einem wundervollen, regelmäßigen Denkraum entwickelt. Unser Systemisches Netzwerk ist ein offener Ort für alle, die sich von unseren Veranstaltungen und den vielfältigen Impulsen angesprochen fühlen. Wenn du also Lust auf tiefgehende Begegnungen, kollegialen Austausch und eine wertschätzende Community hast, laden wir dich von Herzen ein, Mitglied zu werden!

Ein kurzer Hinweis für alle, die den Abend verpasst haben: Wir haben den Impuls von Hanna aufgezeichnet. Um den geschützten Rahmen und die Vertraulichkeit unserer Treffen zu wahren, steht diese Aufzeichnung jedoch exklusiv nur unseren Netzwerk-Mitgliedern im internen Bereich zur Verfügung. Ein Grund mehr, Teil unserer Runde zu werden – wir freuen uns sehr auf dich!

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