Systemische Denkweisen und Ressourcenorientierung in der Psychosomatik

Systemische Denkweisen und Ressourcenorientierung in der Psychosomatik

Die Brücke zwischen Medizin und Systemischer Beratung und Therapie beschäftigt uns weiter. Unsere Gastautorin Patricia Birne ordnet in ihrem Artikel die Ressourcenorientierung in diesen spannenden Kontext mit ein.

Andere Sichtweisen auf Ressourcenorientierung

Im Jahre 1991 war ich mit einem medizinischen Team einer Gesundheits – Organisation, bestehend aus Krankenpflegepersonal, Hebammen, Ärzten und Medizinisch-technischen Assistent/innen für mehrere Wochen in Afrika (Kenia). Wir arbeiteten und operierten dort an der UNI-Klinik Nairobi, dies war eine beeindruckende Zeit für mich. Dort habe ich das erste Mal bewusst erfahren, dass der Mensch in einem Klinik-Setting nicht zu einem alleinigen Symptom mutiert. Ich habe medizinische/ menschliche Anamnesen beobachtet, die ich noch nie vorher in solch einer Form gesehen und erlebt hatte. Der Mensch, der dort in der Klinik zum Patienten wird, wurde trotzdem weiterhin als Mensch gesehen: Als Mensch mit all seinen Facetten und seinem sozialen System, aus dem er kam.

Die ganze Familie wurde mit einbezogen und das nicht nur in der Pflege, sondern auch in der Betrachtung des Menschen bzw. Patienten. Das heißt, es wurde ganzheitlich betrachtet, was sich in seinem Umfeld zum Positiven verändern müsse. Es wurde ebenso betrachtet, was er akut braucht, um zu genesen und was nicht. Das alles hatte natürlich auch einen spirituellen Hintergrund. Oft wurden auch traditionelle Medizinmänner zu Rate gezogen, um bei der Behandlung mitzuwirken. Dies war für mich absolut prägend…..eigentlich aus heutiger Sicht „systemisch“. Ich konnte dort ein „sowohl als auch“ beobachten, allerdings war mir das damals natürlich noch nicht klar.

Es durfte alles sein und nichts wurde starr und dogmatisch behandelt oder gesehen. Natürlich fehlte immer wieder hier und da das rein schulmedizinische Know-How. Die Menschen sahen das alles viel ganzheitlicher, vertrauensvoller und im Endeffekt ressourcenorientierter. Sie hatten den Glauben, sie konnten annehmen was ist, sie sahen es durch verschiedene Brillen. Heute würde ich sagen, sie hatten eine seelische Widerstandskraft oder auch „Resilienz“, die wir zur damaligen Zeit in der westlichen Welt noch nicht einmal mit in Betracht gezogen haben.

Abwendung von der reinen Schulmedizin

Als ich wieder in Deutschland war, waren meine Sichtweisen auf die rein schulmedizinisch, körperorientierte Medizin wieder ein Stück mehr ins Wanken geraten. Der Mensch wurde über sein Symptom behandelt. Immer seltener wurde über den Menschen, seine Bedürfnisse und seine Betrachtungsweisen geredet. Die Fallpauschalen und die zunehmende Erwartungshaltung, dass Kliniken zu Wirtschaftsunternehmen werden sollten, hatte mit meinen Wertevorstellungen und dem humanistischen Menschenbild nicht mehr viel zu tun. Das war im Jahr 1991!

Seitdem hat sich viel in meinem beruflichen Leben verändert. Ich habe dem Klinik-System ohne Groll und ganz bewusst den Rücken zugekehrt und bin heute zufriedene Systemische Beraterin/ Therapeutin und Supervisorin. Ich arbeite selbstständig in zwei Praxen und ansonsten bin ich als Supervisorin in sozialen, pädagogischen und medizinischen Kontexten unterwegs. Ich kann heute den Menschen, die zu mir kommen, die Wertschätzung entgegenbringen, die sie verdienen und auch brauchen. Ich begleite sie ganzheitlich und nehme sie wertfrei an.

Klient*innen können sich bei mir entscheiden, ob sie das körperorientierte Symptom von einer anderen Seite betrachten möchten, so dass ein Umdenkprozess möglich werden kann. Dadurch kann der Mensch erkennen, dass die Systemische Therapie keine defizitorientierte Therapieform ist, sondern ein Ressourcen-und lösungsorientiertes Denkmodell. Ein Angebot an vielfältigen Interventionen und Methoden, die immer wieder an den Menschen angepasst werden können.

Körperbeschwerden als Kommunikationsmittel

Manifestiert sich im Körper eines Menschen ein Symptom, so zieht dies – mehr oder minder- die Aufmerksamkeit auf sich und unterbricht dadurch oft jäh die bisherige Kontinuität des Lebensweges. Ein Symptom ist ein Signal, das Aufmerksamkeit, Interesse und Energie auf sich lenkt und damit den üblichen Gleichlauf in Frage stellt. Ein Symptom erzwingt Beachtung, ob wir nun wollen oder nicht.

Die moderne psychosomatische Medizin ist grundsätzlich der Auffassung, dass Symptome Formen von Kommunikation sind. Als solche sind Symptome häufig wichtige Anzeichen oder Hinweise auf Entwicklungsprobleme, die im Begriff sind, ins Bewusstsein zu treten.

Milton H. Erikson / Ernest L. Rossi

Eine so genannte Somatisierungsstörung zum Beispiel: Schmerz als Beziehungsinformation, kann für verschiedene Beschwerdebilder verwendet werden, die einigen körperlichen Erkrankungen ähnlich erscheinen. Der Mensch kommt vordringlich zum Arzt, nicht zum Systemischen Therapeuten oder Psychotherapeuten, er oder sie ist überzeugt körperlich krank zu sein. Erst ein negativer Organbefund lässt eine erste Vermutung zu, dass es sich vielleicht um ein seelisches Thema handeln könnte. Jetzt stellt sich jedoch die Frage: Weswegen ist es so schwer zu akzeptieren, dass es nichts somatisches ist und muss das überhaupt getrennt gesehen werden? Fehlt einfach die nötige Information wie unser Organismus funktioniert, das Seele und Körper eine Einheit sind?

Ein Symptom der Leistungsgesellschaft

Die Diskussion um das Verhältnis von Körper und Seele ist uralt und die Akzeptanz auch. Es ist doch einfacher zu sagen „Ich bin krank“ bzw. „Mein Bauch schmerzt“ oder die Migräne hat wieder zugeschlagen, als sich damit auseinander zu setzen und auch zu äußern, dass es der Seele gerade nicht gut geht. Jedoch ist die heutige Zeit schon wesentlich aufgeklärter, als noch vor ein paar Jahrzehnten. Damals wurden seelische Beschwerden oft abgestraft durch Missachtung oder Pathologisierung. Heute gehört ein Burnout oder eine Erschöpfung in unserer Leistungsgesellschaft (leider) schon fast zum guten Ton.

In erster Linie geht es darum, sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Sich seiner Herkunft, seiner inneren Anteile, seines sozialen Netzwerkes im Außensystem und seiner Ressourcen bewusst zu werden. Akzeptieren zu lernen, dass Körper und Seele Partner auf Lebenszeit sind. Zu hinterfragen: Was habe ich eigentlich für eine Beziehung zu mir selbst? Die Bereitschaft mit Hilfe von Außen auf sein eigenes „ Ich“ zu schauen, sich mit seinen körperlichen Symptomen anzufreunden und diese anzunehmen, zu wandeln und deuten zu lernen. Im eigenen Tempo, in Begleitung, mit Hilfe eines Methodenkoffers und verschiedenen Systemischen Betrachtungsweisen zu lernen.

Ressourcenorientierung = Lösungsorientierung

Ressourcenorientiert zu arbeiten, bedeutet den Klienten zu stärken, indem ich daran glaube, dass der Klient selbst über die notwendigen Ressourcen verfügt, um seine anstehenden Entwicklungsaufgaben zu meistern. Ich ermutige ihn, in der Problemtrance, wo er augenscheinlich nur von Problemen umgeben ist, auf jedes Quentchen gelingendes Leben aufmerksam zu werden. Den Blick auf Bewältigtes, auf Fähigkeiten, auf kleine Erfolgserlebnisse zu lenken. Angebote zu machen, konstruktive Balancemöglichkeiten anzuschauen und auszuprobieren. Um die benötigten Ressourcen aufzufinden und zu aktivieren, liegt der Fokus demzufolge nicht auf dem Problem, sondern von vornherein auf der Konstruktion von Lösungen unter Einbeziehung der körperlichen Symptome, in einer wertschätzenden Haltung des Klienten gegenüber.

Klient*innen mit psychosomatischen Beschwerden haben oft einen langen Leidensweg hinter sich. Meist ist ihnen nicht bewusst, wieviel Ressourcenarbeit sie an den Tag gelegt haben, um überhaupt den oft jahrelangen Ärztewechsel bewältigen zu können. Ein solcher Weg beinhaltet unzählige unangenehmen Symptomen und Untersuchungen und die Not, sich immer wieder erklären zu müssen. Die Aufmerksamkeit auf die eigenen Ressourcen zu lenken, ist in der Regel ein erster kleiner Augenöffner für die Klienten, der ganz behutsam angegangen werden muss. Ressourcen- und Lösungsorientierung bedeutet oft auch eine Aufmerksamkeitslenkung bzw. einen Perspektivenwechsel, weg von den Beschwerden und Defiziten. Hin zu der Anerkennung und Veränderung der Sichtweise.

Ressourcenorientierung ermöglicht Selbstwirksamkeit

Ressourcenarbeit ist auch: Wiederanschluss an die Quellen der eigenen Kraft, eigenen Talente, Stärken und Möglichkeiten. Die eigenen Kraftquellen wieder verfügbar zu machen, daran erinnern, bestätigen und ermutigen, das Selbstwertgefühl nähren. Den Weg in die Selbstwirksamkeit begleiten. Bedeutsam ist, nicht nur den Blick auf das Fehlende zu richten, sondern auch ganz bewusst das zu würdigen, was bereits im Leben der Klient*innen zur Verfügung steht. Der Systemische Ansatz mit all seinen Interventionen und kreativen Gestaltungsmöglichkeiten ist eine Schatzquelle.

Systemische Beratung/Therapie, das Heilwissen der Naturheilkunde und die Schulmedizin – also die Kombination und der weite Blick über den „Tellerrand hinaus“, bietet eine enorme Chance für eine erfolgreiche Beratung und Therapie. Der Mensch mit seinen Gefühlen, Denkweisen und körperlichen Beschwerden steht im Zentrum meiner ganzheitlich ausgerichteten Arbeit. Der Weg bis hierhin hat sich mehr als gelohnt, denn er verbindet vieles, was ich mir zu Anfang meines beruflichen Weges noch nicht zu denken erhofft habe.

Zu wissen, dass Veränderung möglich ist, und der Wunsch, Veränderungen
vorzunehmen, dies sind zwei erste große Schritte

Virginia Satir

Quellenangabe:
– Andreas Wielands:
Choreographien der Seele
Lösungsorientierte Systemische Psychosomatik

– Virginia Satir:
Selbstwert und Kommunikation

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