Essen als Emotionsregulation
Im Systemischen Club im April 2026 widmeten wir uns gemeinsam mit Stefanie Gregor einem Thema, das viele Menschen unmittelbar betrifft und zugleich häufig schambesetzt ist: emotionales Essen und Essstörungen aus systemischer Perspektive. Unter dem Titel „Essen als Versuch der Emotions- und (Familien-)Systemregulation“ eröffnete Stefanie einen vielschichtigen Blick auf Essverhalten – jenseits von Disziplin, Kontrolle oder rein individuellen Erklärungsansätzen. Stefanie Gregor hat sich insbesondere auf die Arbeit mit Müttern mit Essstörungen spezialisiert und hat eigene Erfahrungen mit Magersucht in ihre Arbeit integriert.
Der Abend war geprägt von persönlicher Offenheit, fachlichem Austausch und der Einladung, Essverhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern zunächst als Lösungsversuch zu verstehen.
Einstieg in den Club-Abend
Wie so oft starteten wir auch diesen Club-Abend mit einer Mentimeter-Umfrage und ersten Reflexionsfragen. Bereits hier wurde deutlich, wie unterschiedlich und gleichzeitig verbindend Erfahrungen mit Essen sein können. Teilnehmende beschrieben beispielsweise entspanntes Essverhalten damit, „einfach satt zu sein, ohne vorher oder nachher darüber nachzudenken“, während andere bemerkten, dass Stress, Süßigkeiten oder häufiges Kontrollieren des Kühlschranks Hinweise auf emotionales Essen sein können.
Neben Coaches, Therapeut:innen und Berater:innen nahmen auch Menschen teil, die persönliche Erfahrungen mit Essstörungen oder emotionalem Essen mitbrachten. Dadurch entstand ein ehrlicher und differenzierter Austauschraum, in dem Fachlichkeit und persönliche Resonanz nebeneinander Platz hatten.
Essen als Form von Regulation
Ein zentraler Gedanke des Abends war die systemische Perspektive auf Essverhalten:
Verhalten erfüllt eine Funktion.
Stefanie Gregor machte deutlich, dass Essen – oder auch Nichtessen – häufig als Regulationsstrategie dient. Dabei geht es nicht nur um individuelle Emotionen, sondern oft auch um Beziehungsgestaltung und Systemdynamiken.
In ihrer Präsentation beschrieb sie verschiedene Funktionen von Essverhalten:
- Restriktion als Versuch von Kontrolle
- Nichtessen als Betäubung von Gefühlen
- Essanfälle oder Erbrechen als Spannungsabbau
- strenge Ernährungsregeln als Versuch innerer Ordnung
- Gewichtsverlust oder „gesunde Ernährung“ als Möglichkeit, gesehen zu werden – oder zu verschwinden
Besonders eindrücklich war ein Praxisbeispiel, in dem eine Tochter nach der angekündigten Trennung der Eltern begann, Nahrung zu verweigern. Das Symptom wirkte dabei unbewusst stabilisierend auf das Familiensystem, weil sich plötzlich wieder alles um die Sorge um das Kind organisierte. Diese systemische Sichtweise verschiebt den Fokus weg von Schuld und moralischer Bewertung hin zu der Frage:
Wofür ist dieses Verhalten möglicherweise eine Lösung?
Emotionale Essmuster und systemische Dynamiken
Im weiteren Verlauf des Abends wurde deutlich, wie eng Essen mit Emotionen, Stressregulation und Bindungserfahrungen verbunden ist. Stefanie erläuterte, dass emotionales Essen häufig mit Stress, innerer Anspannung oder Überforderung zusammenhängt und gleichzeitig kurzfristig entlastend wirken kann.
Besonders spannend war dabei der Blick auf unterschiedliche Bewusstseinsstrukturen nach Jean Gebser. Stefanie zeigte auf, dass Essen je nach Bewusstseinsmodus unterschiedliche Bedeutungen haben kann:
- archaisch: unmittelbare Bedürfnisbefriedigung
- magisch: Trost und direkte emotionale Wirkung
- mythisch: Zugehörigkeit, Familie, Erinnerung
- mental: Kontrolle und Optimierung
- integral: bewusster und freier Umgang mit Nahrung
Unter Stress greifen Menschen häufig wieder auf ältere, emotional geprägte Regulationsmuster zurück. Rationales Wissen allein reicht deshalb oft nicht aus, um Essverhalten nachhaltig zu verändern. Der Austausch im Chat zeigte zudem, wie individuell Essverhalten erlebt wird – von emotionalem Essen über restriktive Muster bis hin zu den Herausforderungen chronischer Erkrankungen oder spezieller Ernährungsanforderungen.
Neurodiversität und Essstörungen
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends lag auf dem Zusammenhang zwischen Essstörungen und Neurodiversität. Diskutiert wurden unter anderem Verbindungen zwischen Autismus-Spektrum, ADHS, sensorischer Empfindlichkeit und Essverhalten.
Besprochen wurden beispielsweise:
- selektives Essen bei Menschen im Autismusspektrum
- ARFID (Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder)
- sensorische Überforderung
- Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität, ADHS und emotionalem Essen
Die Teilnehmenden brachten hierzu zahlreiche Fragen und eigene Erfahrungen ein, wodurch ein lebendiger Austausch über neurodiverse Perspektiven entstand.
Biologische und neurologische Aspekte
Stefanie Gregor machte ebenfalls deutlich, dass Essstörungen nicht allein psychologisch erklärt werden können. Sie sprach über hormonelle Veränderungen, neurologische Prozesse und körperliche Auswirkungen von Essstörungen. Thematisiert wurden unter anderem:
- Veränderungen der Insula und des Hippocampus
- hormonelle Dysregulation
- Komorbiditäten wie Depressionen, Angststörungen oder Zwänge
- körperliche Risiken wie kardiovaskuläre Instabilität
Gerade dieser biologische Blick wirkte für viele Teilnehmende entlastend, da deutlich wurde:
Essstörungen sind keine Frage mangelnder Disziplin oder „Willensschwäche“.
Systemische Methoden in der Arbeit mit Essstörungen
Zum Abschluss stellte Stefanie verschiedene systemische Methoden vor, die in der therapeutischen Arbeit mit Essstörungen hilfreich sein können:
- Externalisieren
- Mentalisieren
- Genogrammarbeit
- zirkuläres Fragen
- Lebenslinien
- Systembrettaufstellungen
- Skulpturarbeit
- Protokolle
Besonders das Externalisieren – also die Trennung zwischen Person und Symptom – wurde als hilfreicher Ansatz beschrieben, um die „Essstörungsstimme“ von gesunden Anteilen unterscheiden zu können. Viele der Methoden sind in unserer Online-Methodensammlung zu finden.
Auch familienbasierte Therapieansätze sowie die Bedeutung von Stabilisierung und Sicherheit wurden diskutiert. Dabei entstand ein wertvoller Austausch über aktuelle Versorgungslücken und hilfreiche therapeutische Angebote.
Link- und Lesetipps
Vielen Dank auch an die Teilnehmenden für die zahlreichen Hinweise und Empfehlungen aus dem Chat:
- Waage e.V. – Beratungsstelle für Betroffene und Angehörige von Essstörungen
https://waage-hh.de/ - Filme mit Erfahrungsberichten Betroffener
https://waage-hh.de/infothek/filme/ - Podcastfolge mit Friedemann Schulz von Thun zum Inneren Team
https://hotelmatze.podigee.io/483-friedemann-schulz-von-thun - Podcastfolge mit Gunther Schmidt zur „Funktion des Problems“
https://hotelmatze.podigee.io/519-gunther-schmidt - Podcast des Systemischen Netzwerks
https://mindvolution.podigee.io/
Passend zum Thema empfehlen wir außerdem diese Beiträge aus unserem Online-Magazin:
- Rückblick Systemischer Club: Unsicherheit in der Beratung zum Artikel
- Rückblick Systemischer Club: Zyklusorientiertes Beraten, Arbeiten und Leben zum Artikel
- Internal Family Systems Therapy: Mit IFS-Teilearbeit zu mehr Selbstwirksamkeit zum Artikel
- Rezension: Transgenerationale Therapie. 75 Therapiekarten von Sabine Lück zur Rezension
Mitgliedschaft im Systemischen Netzwerk
Vielen Dank an alle Teilnehmer:innen für Eure Offenheit, Eure persönlichen Einblicke und den respektvollen Austausch zu diesem sensiblen Thema. Ein besonderer Dank gilt Stefanie Gregor für ihren differenzierten und systemischen Blick auf emotionales Essen und Essstörungen.
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Dieser Beitrag wurde vom Redaktionsteam des Systemischen Netzwerks für Euch erstellt.










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