Systemische Paar- und Sexualtherapie

Systemische Paar- und Sexualtherapie

Definitionen und Begriffe kurz erklärt

Die eigentlichen Anfänge der Sexualtherapie liegen in den 1960er Jahren. Der Mediziner William Masters und die Psychologin Virginia Johnson haben damals diese besondere Art der Psychotherapie ins Leben gerufen.

Häufig werden heute die Begriffe Paarberatung, Sexualtherapie, Sexualberatung, Beziehungscoaching oder auch Eheberatung synonym verwendet. Eine einheitliche Definition lässt sich hier nicht finden, allerdings gibt es in meinem Verständnis dennoch Unterschiede. In diesem Artikel verwende ich die Begriffe Paar- und Sexualtherapie, da diese im systemischen Zusammenhang in erster Linie von dem, im deutschen Sprachraum wohl bekanntesten Systemischen Sexualtherapeuten Prof. Dr. Ulrich Clement geprägt wurden.

Der Unterschied zwischen Sexualberatung und Sexualtherapie

Ich persönlich biete Paar- und Sexualberatung an. Da ich weder Psychotherapeutin noch Medizinerin bin, arbeite ich mit KlientInnen, die ,sofern keine körperliche oder psychische Grunderkrankung vorliegt, auch keine Therapie in dem Sinne benötigen. Für mich impliziert das Wort „Therapie“ im klassischen Sinne einen Behandlungsbedarf, dem eine Diagnose zugrunde liegt. Auch wenn es medizinische und psychische Gründe für sexuelle Störungen geben kann, haben 90 Prozent der Störungen eine psychosomatische Ursache. Ebenso sind aus meiner Sicht Beziehungsprobleme keine zu behandelnden Krankheiten. Sollte es in Absprache mit den KlientInnen sinnvoll erscheinen, verweise ich diese im Zweifel an zuständige Ärzte und Psychologen.

Während KlientInnen mit sexuellen Problemen häufig allein in die Beratung kommen, arbeite ich in der Paarberatung in der Regel mit beiden Partnern. Manchmal wird aus einer Sexualberatung auch eine Paarberatung, wenn es sinnvoll erscheint, den/die Partner*in mit einzubeziehen. Nicht selten wird eine sexuelle Störung in einer Paarberatung thematisiert. Auch wenn die Sexualität für viele Paare nicht das wichtigste Thema ist, lohnt sich oft zumindest eine kurze Bestandsaufnahme. Auf diese Weise können Störfaktoren entdeckt werden, die sich bisher unter der Oberfläche befunden haben. Sie können durchaus eine Rolle für die Beratung spielen. 

Daher sind aus meiner Sicht Paar- und Sexualtherapie bzw. -beratung nicht immer klar voneinander zu trennen. Die wohl am häufigsten thematisierten Anliegen der KlientInnen sind nach Einschätzung des Systemischen Sexualtherapeuten Prof. Dr. Ulrich Clement unterschiedliche sexuelle Vorlieben und Wünsche, abwesendes Lustempfinden und Fremdgehen.

Die Besonderheiten der Systemischen Sexualtherapie

Vereinfacht dargestellt, finden in der Systemischen Sexualtherapie die Haltungen und Interventionen der Systemische Therapie Anwendung. Der Fokus liegt hier auf Paare mit sexuellen Problemen (Maß/Bauer 2016). Während die klassische Paartherapie eher vergangenheitsorientiert und mit den Biografien der Einzelpersonen arbeitet, ist die Systemische Paartherapie eher nach vorn gerichtet. Sie nimmt das Paar und seine Dynamiken als Ganzes in den Blick. Der in Deutschland wohl bekannteste Systemische Sexualtherapeut ist der, bereits kurz erwähnte, Psychologe Prof. Dr. Ulrich Clement. Er wurde vom Podcast der Zeit online („Ist das normal“) kürzlich auch als Mick Jagger der Sexualtherapie bezeichnet.

Ein Beispiel für den Unterschied in der Herangehensweise der Systemischen Sexualtherapie zu bisher gängigen sexualtherapeutischen Ansätzen ist in der Kritik zu finden, die Ulrich Clement in Bezug auf das „Human Sexual Response Circle“ (HSRC) äußert. Seit den empirischen Forschungen von Masters & Johnson in den 50er und 60er Jahren gilt dieses als einer der Meilensteine der Sexualwissenschaft (Clement, 2004).

Human Sexual Response Circle (HSRC) in der Kritik

Das Konzept beschreibt vier Phasen sexueller Reaktion: die Erregung, die Plateauphase, den Orgasmus und die Refraktärphase (Erholungsphase). Der HSRC stellt also laut Masters & Johnson die Dramaturgie eines nicht-gestörten und normal verlaufenden Sexualaktes dar. Aus systemischer Sicht beinhaltet dieses Konzept jedoch eine klare Bewertung: eine Vorgabe der Norm, die durchaus in Frage gestellt werden sollte statt bei einer Abweichung innerhalb der vier Phasen an einer Störungsbehebung zu arbeiten. Wer sagt denn, dass Erregung immer in einem Orgasmus enden muss? Warum kann nicht Erregung auch einmal von kurzer Dauer sein und darf wieder verschwinden, ohne in die Plateauphase überzugehen? Und für welches Geschlecht spielt die Refraktärphase die wichtigere Rolle?

Das Konzept der vier Phasen gibt also normierend vor, wie der sexuelle Akt im `gesunden´ Fall zu verlaufen hat und berücksichtig dabei nicht den individuellen Kontext des Geschehens selbst, zudem stellt es ein geschlechtsneutrales Muster dar, das vorgibt männliche und weibliche Sexualität funktioniere gleich, ausgehend jedoch von der männlichen Sicht als Normalverlauf (Clement, 2004). 

Was mir in meiner Arbeit wichtig ist

Der systemische Ansatz arbeitet mit einem Sammelsurium an Ansätzen, Methoden und Techniken und ist immer abhängig von der Kontext-Brille, die wir gerade tragen. So ist es für mich in meiner Arbeit als systemische Paar- und Sexualberaterin eher die Haltung, die für mich die Basis meiner Arbeit ausmachen. Am wichtigsten sind mir dabei folgende Werte:

Neugier

Für mich die wichtigste Haltung überhaupt. Sobald ich nicht mehr neugierig bin, bleibe ich stehen, frage ich nicht mehr weiter. Wenn wir glauben zu verstehen, hören wir oft auf, für alternative Sichtweisen und Perspektiven offen zu sein. Auch ich lerne immer wieder sehr viel von meinen KlientInnen. Ich muss nicht alles wissen, nicht jede sexuelle Praktik kennen. Denn ich freue mich immer sehr, wenn ich neugierig sein darf und wieder etwas dazu lerne.

Allparteilichkeit

Besonders in Paarberatungen kann dies eine Herausforderung sein, denn oft ist einem der/die eine der PartnerInnen sympathischer als der/die andere. Oder ich kann basierend auf meinen eigenen Werten die Bedürfnisse des/der einen oder anderen besser verstehen. Umso wichtiger ist es für mich in diesen Momenten zu schauen, was ich als Beraterin tun kann, um auch diesem/dieser PartnerIn wieder unvoreingenommene Aufmerksamkeit geben zu können. Immer mit dem Ziel neutral zu bleiben. Meine persönlichen Ansichten, Werte etc. sollten keinen spürbaren Raum im Beratungsprozess einnehmen.

Zielneutralität

Häufig schwingen bei einer auf Masters und Johnson basierende Sexualtherapie bestimmten Vorstellungen mit, was gesunde oder richtige Sexualität bedeutet. Eine systemische Grundhaltung besagt, dass der/die KlientIn ExperteIn für sich selbst ist. Diese Haltung wende ich daher auch hier an. Mir steht es nicht zu, ein Ziel wie z. B. das Ausleben einer bestimmten Sexualpraktik zu bewerten und davon abzuraten (sofern sie niemanden gefährdet). Zum anderen gab es durch verschiedenste Forschungen in den letzten Jahr(-zehnten) so viele neue Erkenntnisse, dass einmal als ideal angesehene Annahmen heute überholt sind. Das Ziel gibt/geben also die KlientInnen vor. Wir definieren gemeinsam die Rolle, die ich auf dem Weg dorthin für sie spiele.

Veränderungsneutralität

Natürlich kommen Klienten und Paare oft zu mir in die Beratung, weil es so nicht mehr weitergeht. Etwas soll sich verändern. Leider haben wir BeraterInnen, Coaches und TherapeutInnen schon beruflich bedingt auch einen Hang zur Veränderung. Umso wichtiger ist es, denke ich, kurz innezuhalten, diesen Wunsch und auch die Konsequenzen genauer zu betrachten. Manchmal werden wir in unserer Position und aus unserer Profession heraus zum Treiber der Veränderung, anstatt sie zu begleiten. Daher ist auch die Frage berechtigt „Was ist, wenn alles so bleibt, wie es ist?“ und dem/der/den KlientInnen das “ja/nein“ zur Veränderung und das „wie schnell“ zu überlassen.

Der Bedarf an Sexualberatung und Sexualtherapie ist groß

Natürlich reichen die Zeilen in einem solchen Artikel hier nicht aus, um einen wirklich tiefen Einblick in die Systemische Sexualtherapie bzw. -beratung zu geben. Wer sich dafür interessiert, findet neben den zitierten Büchern mittlerweile einiges an Literatur sowie gute Online- und Präsenz-Weiterbildungen.
Ich möchte an dieser Stelle diejenigen, die ein generelles Interesse an den Themen Sexualität und Beziehungsdynamiken haben, dazu ermuntern, sich dahingehend weiterzubilden. Nach wie vor treffe ich (auch im privaten Kontext) viel zu häufig auf Menschen, die sich einen sicheren Rahmen wünschen würden, um über ihre Sexualität und Beziehungsprobleme zu sprechen. Daher denke ich, dass der Bedarf an professionellen SexualtherapeutInnen und -beraterInnen noch lange nicht gedeckt ist.

Quellenangaben

  • Lehrbuch Sexualtherapie. R. Maß & R. Bauer. Stuttgart, 2016. Klett-Cotta Verlag.
  • Systemische Sexualtherapie. U. Clement. Stuttgart, 2004. Klett-Cotta Verlag.
  • Life-Lessons Online Kurs. U. Clement. https://www.lifelessons.de/

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