Auftragsklärung mit neurodivergenten Klient:innen: Wenn der Rahmen von Anfang an trägt

Auftragsklärung mit neurodivergenten Klient:innen: Wenn der Rahmen von Anfang an trägt

Neurodivergenz Coaching Auftragsklärung

Roter Faden weg, rasante Gedankensprünge mitten im Satz und plötzliche Tempowechsel: Wer mit neurodivergenten Menschen arbeitet – etwa mit Klient:innen im ADHS- oder Autismus-Spektrum –, kennt dieses ganz eigene „Betriebssystem“. Beim Club-Abend des Systemischen Netzwerks Ende August widmeten wir uns der Frage, wie systemische Coaches und Berater:innen bereits im Erstkontakt einen sicheren, neuroaffirmativen Rahmen auf Augenhöhe schaffen können.

Ein lebendiger Einstieg & interdisziplinärer Austausch

Zu Beginn des Zoom-Treffens begrüßte Sandra Brauer die vielseitige Runde von Coaches, Berater:innen, Therapeut:innen und Fachleuten aus Organisationsentwicklung und agiler Szene. Gestaltet wurde der Abend von unserem Expert:innen-Trio:

  • Annika Franzke (systemische Beraterin, Neurodivergenzcoach und Mitgründerin von LOS! Lernen ohne Schmerz),
  • Kathrin Schmieder (systemischer Coach, Lehrcoach und Dozentin mit Schwerpunkt ADHS/Autismus bei Herz-Hirn-Bauch Coaching) sowie
  • Benjamin Franzke (Neurobiologe bei LOS! und Host des Podcasts Strange Brains).

Gemeinsam bilden sie Neurodivergenzcoaches aus und gaben praxisnahe, neurobiologisch fundierte Einblicke in ihre Arbeit.

Das neurodivergente Gehirn: Mehr als nur „Statistik“

Benjamin führte kurz in die neurobiologischen Grundlagen ein: Während Neurodiversität die natürliche Vielfalt aller menschlichen Gehirne beschreibt, meint Neurodivergenz das Abweichen von der statistischen Norm – etwa in der Informationsverarbeitung, im Dopamin-/Belohnungssystem oder bei den Reizfiltern. Neurodivergente Gehirne verarbeiten oft bis zu 30 % mehr Reize gleichzeitig und ungefiltert im Bewusstsein. Für Coaching- und Beratungssituationen bedeutet das: Höhere Anfälligkeit für Reizüberflutung, schnelleres Erschöpfen und der Bedarf nach flexibel angepassten Settings.

Besondere Dynamiken in der Auftragsklärung

Im systemischen Standardmodell verläuft die Auftragsklärung oft sequenziell (Beobachten – Hypothesen bilden – Intervention planen – Umsetzen). Im Neurodivergenz-Coaching greifen diese Mechanismen jedoch oft anders:

  1. Masking & People Pleasing: Neurodivergente Klient:innen haben bis zum 8. Lebensjahr im Schnitt rund 20.000 korrigierende („Lass das!“, „Sei nicht so!“) Rückmeldungen mehr erhalten als neurotypische Gleichaltrige. Das führt häufig zu unbewusstem Masking (Anpassen an neurotypische Erwartungen) oder People Pleasing in der Sitzung. Eine scheinbar schnelle Zustimmung zu Zielen ist daher oft reine Anpassung und bedarf achtsamen Nachhakens.
  2. Das Double Empathy Problem: Kommunikationsbrüche entstehen nicht durch ein „Defizit“, sondern durch unterschiedliche Erfahrungswelten. Wenn Gesagtes und Mimik/Körpersprache scheinbar nicht zusammenpassen (z. B. ein neutraler Gesichtsausdruck bei traurigen Themen), dürfen Coaches dies nicht voreilig als Desinteresse oder mangelnde Betroffenheit deuten.
  3. Stimming & Selbstregulation: Ob Klickern mit Stiften, Magnetkugeln, Häkeln oder Bewegung im Raum (Stimming): Motorische Impulse helfen dem Nervensystem, sich zu regulieren und überhaupt aufnahmefähig zu bleiben.
  4. Interozeption & Reizverarbeitung: Körperliche Signale wie Hunger, Durst, Erschöpfung oder Schmerz werden oft erst verzögert wahrgenommen (Interozeptionsstörung).

Praxistipps: Wie wir den sicheren Raum gestalten

Annika und Kathrin gaben den Teilnehmenden konkrete Werkzeuge an die Hand, um die Auftragsklärung und Prozessbegleitung neuroinklusiv zu gestalten:

  • Ankommenszeit & Puffer etablieren: Termine auf 90 Minuten anlegen oder 15 Minuten Puffer einplanen, um den Übergang vom Alltag ins Coaching sanft zu gestalten.
  • Visuelles & asynchrones Arbeiten: Der Einsatz von Whiteboards (z. B. Miro) oder dem analogen Systembrett entlastet das Arbeitsgedächtnis und hilft, den roten Faden trotz Gedankensprüngen sichtbar zu halten.
  • Fidget- & Stimming-Tools normalisieren: Eine vorbereitete „Goodie-Box“ mit Stimming-Tools im Raum oder das explizite Erlauben von Bewegung und Kameraschwankungen online signalisiert: „Hier darfst du ganz du selbst sein.“
  • Pareto & kleine Schritte: Statt Klient:innen in eine Überforderung mit riesigen Vorhaben rennen zu lassen, gilt es, die eine kleine Stellschraube mit dem größten Hebel zu identifizieren.
  • Transparenz & Barriereabbau: Klare, verlässliche Regeln (z. B. Umgang mit Absagen, Rechnungsstellung und Vorhersehbarkeit) nehmen Klient:innen die Scham und die Angst vor Fehlern (Wall of Awful / Rejection Sensitivity Dysphoria).

Stimmen & Erkenntnisse aus der Community

In der abschließenden Reflexionsrunde via Mentimeter und im Chat wurde deutlich, wie groß der Bedarf an Sensibilisierung in der systemischen Szene ist. Teilnehmende nahmen vor allem mit:

  • „Reflexionsimpuls: Wie neuroinklusiv ist meine Haltung und meine Methodik?“
  • „Ich werde eine Box mit Fidget-Toys etablieren – spiele beim Telefonieren ja selbst immer mit etwas herum.“
  • „Ankommenszeiten aktiv einplanen und als festen Teil der Beratung etablieren.“
  • „Übergänge bewusst gestalten.“

Viele verabschiedeten sich inspiriert, mit spürbar mehr Verständnis und dem Wunsch nach weiterem Input.

Weiterführende Links & Ressourcen

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